The Project Gutenberg EBook of Faust: Der Tragdie erster Teil, by 
Johann Wolfgang von Goethe

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Title: Faust: Der Tragdie erster Teil

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Posting Date: January 26, 2010 [EBook #2229]
Release Date: June 2000
[This file last updated on August 4, 2010]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST: DER TRAGDIE ERSTER TEIL ***




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  Faust: Der Tragdie erster Teil

  Johann Wolfgang von Goethe


  Zueignung.

  Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
  Die frh sich einst dem trben Blick gezeigt.
  Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
  Fhl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
  Ihr drngt euch zu!  nun gut, so mgt ihr walten,
  Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
  Mein Busen fhlt sich jugendlich erschttert
  Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

  Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
  Und manche liebe Schatten steigen auf;
  Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
  Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
  Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
  Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
  Und nennt die Guten, die, um schne Stunden
  Vom Glck getuscht, vor mir hinweggeschwunden.

  Sie hren nicht die folgenden Gesnge,
  Die Seelen, denen ich die ersten sang;
  Zerstoben ist das freundliche Gedrnge,
  Verklungen, ach!  der erste Widerklang.
  Mein Lied ertnt der unbekannten Menge,
  Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
  Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
  Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

  Und mich ergreift ein lngst entwhntes Sehnen
  Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
  Es schwebet nun in unbestimmten Tnen
  Mein lispelnd Lied, der olsharfe gleich,
  Ein Schauer fat mich, Trne folgt den Trnen,
  Das strenge Herz, es fhlt sich mild und weich;
  Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
  Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.




  Vorspiel auf dem Theater

  Direktor.  Theatherdichter.  Lustige Person:

  DIREKTOR:
  Ihr beiden, die ihr mir so oft,
  In Not und Trbsal, beigestanden,
  Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
  Von unsrer Unternehmung hofft?
  Ich wnschte sehr der Menge zu behagen,
  Besonders weil sie lebt und leben lt.
  Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
  Und jedermann erwartet sich ein Fest.
  Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
  Gelassen da und mchten gern erstaunen.
  Ich wei, wie man den Geist des Volks vershnt;
  Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
  Zwar sind sie an das Beste nicht gewhnt,
  Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
  Wie machen wir's, da alles frisch und neu
  Und mit Bedeutung auch gefllig sei?
  Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
  Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drngt,
  Und mit gewaltig wiederholten Wehen
  Sich durch die enge Gnadenpforte zwngt;
  Bei hellem Tage, schon vor vieren,
  Mit Sten sich bis an die Kasse ficht
  Und, wie in Hungersnot um Brot an Bckertren,
  Um ein Billet sich fast die Hlse bricht.
  Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
  Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute!

  DICHTER:
  O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
  Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
  Verhlle mir das wogende Gedrnge,
  Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
  Nein, fhre mich zur stillen Himmelsenge,
  Wo nur dem Dichter reine Freude blht;
  Wo Lieb und Freundschaft unsres Herzens Segen
  Mit Gtterhand erschaffen und erpflegen.

  Ach!  was in tiefer Brust uns da entsprungen,
  Was sich die Lippe schchtern vorgelallt,
  Miraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
  Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
  Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
  Erscheint es in vollendeter Gestalt.
  Was glnzt, ist fr den Augenblick geboren,
  Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

  LUSTIGE PERSON:
  Wenn ich nur nichts von Nachwelt hren sollte.
  Gesetzt, da ich von Nachwelt reden wollte,
  Wer machte denn der Mitwelt Spa?
  Den will sie doch und soll ihn haben.
  Die Gegenwart von einem braven Knaben
  Ist, dcht ich, immer auch schon was.
  Wer sich behaglich mitzuteilen wei,
  Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;
  Er wnscht sich einen groen Kreis,
  Um ihn gewisser zu erschttern.
  Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,
  Lat Phantasie, mit allen ihren Chren,
  Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
  Doch, merkt euch wohl!  nicht ohne Narrheit hren.

  DIREKTOR:
  Besonders aber lat genug geschehn!
  Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
  Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
  So da die Menge staunend gaffen kann,
  Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
  Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
  Die Masse knnt Ihr nur durch Masse zwingen,
  Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
  Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
  Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
  Gebt Ihr ein Stck, so gebt es gleich in Stcken!
  Solch ein Ragout, es mu Euch glcken;
  Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
  Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?
  Das Publikum wird es Euch doch zerpflcken.

  DICHTER:
  Ihr fhlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!
  Wie wenig das dem echten Knstler zieme!
  Der saubern Herren Pfuscherei
  Ist.  merk ich.  schon bei Euch Maxime.

  DIREKTOR:
  Ein solcher Vorwurf lt mich ungekrnkt:
  Ein Mann, der recht zu wirken denkt,
  Mu auf das beste Werkzeug halten.
  Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,
  Und seht nur hin, fr wen Ihr schreibt!
  Wenn diesen Langeweile treibt,
  Kommt jener satt vom bertischten Mahle,
  Und, was das Allerschlimmste bleibt,
  Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
  Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
  Und Neugier nur beflgelt jeden Schritt;
  Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
  Und spielen ohne Gage mit.
  Was trumet Ihr auf Eurer Dichterhhe?
  Was macht ein volles Haus Euch froh?
  Beseht die Gnner in der Nhe!
  Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
  Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
  Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
  Was plagt ihr armen Toren viel,
  Zu solchem Zweck, die holden Musen?
  Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,
  So knnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren
  Sucht nur die Menschen zu verwirren,
  Sie zu befriedigen, ist schwer--
  Was fllt Euch an?  Entzckung oder Schmerzen?

  DICHTER:
  Geh hin und such dir einen andern Knecht!
  Der Dichter sollte wohl das hchste Recht,
  Das Menschenrecht, das ihm Natur vergnnt,
  Um deinetwillen freventlich verscherzen!
  Wodurch bewegt er alle Herzen?
  Wodurch besiegt er jedes Element?
  Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt,
  Und in sein Herz die Welt zurcke schlingt?
  Wenn die Natur des Fadens ew'ge Lnge,
  Gleichgltig drehend, auf die Spindel zwingt,
  Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
  Verdrielich durcheinander klingt-
  Wer teilt die flieend immer gleiche Reihe
  Belebend ab, da sie sich rhythmisch regt?
  Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,
  Wo es in herrlichen Akkorden schlgt?
  Wer lt den Sturm zu Leidenschaften wten?
  Das Abendrot im ernsten Sinne glhn?
  Wer schttet alle schnen Frhlingsblten
  Auf der Geliebten Pfade hin?
  Wer flicht die unbedeutend grnen Bltter
  Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
  Wer sichert den Olymp?  vereinet Gtter?
  Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

  LUSTIGE PERSON:
  So braucht sie denn, die schnen Krfte
  Und treibt die dichtrischen Geschfte
  Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
  Zufllig naht man sich, man fhlt, man bleibt
  Und nach und nach wird man verflochten;
  Es wchst das Glck, dann wird es angefochten
  Man ist entzckt, nun kommt der Schmerz heran,
  Und eh man sich's versieht, ist's eben ein Roman.
  Lat uns auch so ein Schauspiel geben!
  Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
  Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
  Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
  In bunten Bildern wenig Klarheit,
  Viel Irrtum und ein Fnkchen Wahrheit,
  So wird der beste Trank gebraut,
  Der alle Welt erquickt und auferbaut.
  Dann sammelt sich der Jugend schnste Blte
  Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
  Dann sauget jedes zrtliche Gemte
  Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung,
  Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
  Ein jeder sieht, was er im Herzen trgt.
  Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen,
  Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
  Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
  Ein Werdender wird immer dankbar sein.

  DICHTER:
  So gib mir auch die Zeiten wieder,
  Da ich noch selbst im Werden war,
  Da sich ein Quell gedrngter Lieder
  Ununterbrochen neu gebar,
  Da Nebel mir die Welt verhllten,
  Die Knospe Wunder noch versprach,
  Da ich die tausend Blumen brach,
  Die alle Tler reichlich fllten.
  Ich hatte nichts und doch genug:
  Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.
  Gib ungebndigt jene Triebe,
  Das tiefe, schmerzenvolle Glck,
  Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
  Gib meine Jugend mir zurck!

  LUSTIGE PERSON:
  Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls,
  Wenn dich in Schlachten Feinde drngen,
  Wenn mit Gewalt an deinen Hals
  Sich allerliebste Mdchen hngen,
  Wenn fern des schnellen Laufes Kranz
  Vom schwer erreichten Ziele winket,
  Wenn nach dem heft'gen Wirbeltanz
  Die Nchte schmausend man vertrinket.
  Doch ins bekannte Saitenspiel
  Mit Mut und Anmut einzugreifen,
  Nach einem selbstgesteckten Ziel
  Mit holdem Irren hinzuschweifen,
  Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
  Und wir verehren euch darum nicht minder.
  Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,
  Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

  DIREKTOR:
  Der Worte sind genug gewechselt,
  Lat mich auch endlich Taten sehn!
  Indes ihr Komplimente drechselt,
  Kann etwas Ntzliches geschehn.
  Was hilft es, viel von Stimmung reden?
  Dem Zaudernden erscheint sie nie.
  Gebt ihr euch einmal fr Poeten,
  So kommandiert die Poesie.
  Euch ist bekannt, was wir bedrfen,
  Wir wollen stark Getrnke schlrfen;
  Nun braut mir unverzglich dran!
  Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,
  Und keinen Tag soll man verpassen,
  Das Mgliche soll der Entschlu
  Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,
  Er will es dann nicht fahren lassen
  Und wirket weiter, weil er mu.

  Ihr wit, auf unsern deutschen Bhnen
  Probiert ein jeder, was er mag;
  Drum schonet mir an diesem Tag
  Prospekte nicht und nicht Maschinen.
  Gebraucht das gro, und kleine Himmelslicht,
  Die Sterne drfet ihr verschwenden;
  An Wasser, Feuer, Felsenwnden,
  An Tier und Vgeln fehlt es nicht.
  So schreitet in dem engen Bretterhaus
  Den ganzen Kreis der Schpfung aus,
  Und wandelt mit bedcht'ger Schnelle
  Vom Himmel durch die Welt zur Hlle.




  Prolog im Himmel.

  Der Herr.  Die himmlischen Heerscharen.  Nachher Mephistopheles.
  Die drei Erzengel treten vor.

  RAPHAEL:
  Die Sonne tnt, nach alter Weise,
  In Brudersphren Wettgesang,
  Und ihre vorgeschriebne Reise
  Vollendet sie mit Donnergang.
  Ihr Anblick gibt den Engeln Strke,
  Wenn keiner Sie ergrnden mag;
  die unbegreiflich hohen Werke
  Sind herrlich wie am ersten Tag.

  GABRIEL:
  Und schnell und unbegreiflich schnelle
  Dreht sich umher der Erde Pracht;
  Es wechselt Paradieseshelle
  Mit tiefer, schauervoller Nacht.
  Es schumt das Meer in breiten Flssen
  Am tiefen Grund der Felsen auf,
  Und Fels und Meer wird fortgerissen
  Im ewig schnellem Sphrenlauf.

  MICHAEL:
  Und Strme brausen um die Wette
  Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,
  und bilden wtend eine Kette
  Der tiefsten Wirkung rings umher.
  Da flammt ein blitzendes Verheeren
  Dem Pfade vor des Donnerschlags.
  Doch deine Boten, Herr, verehren
  Das sanfte Wandeln deines Tags.

  ZU DREI:
  Der Anblick gibt den Engeln Strke,
  Da keiner dich ergrnden mag,
  Und alle deine hohen Werke
  Sind herrlich wie am ersten Tag.

  MEPHISTOPHELES:
  Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst
  Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,
  Und du mich sonst gewhnlich gerne sahst,
  So siehst du mich auch unter dem Gesinde.
  Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,
  Und wenn mich auch der ganze Kreis verhhnt;
  Mein Pathos brchte dich gewi zum Lachen,
  Httst du dir nicht das Lachen abgewhnt.
  Von Sonn' und Welten wei ich nichts zu sagen,
  Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
  Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
  Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
  Ein wenig besser wrd er leben,
  Httst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
  Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
  Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
  Er scheint mir, mit Verlaub von euer Gnaden,
  Wie eine der langbeinigen Zikaden,
  Die immer fliegt und fliegend springt
  Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;
  Und lg er nur noch immer in dem Grase!
  In jeden Quark begrbt er seine Nase.

  DER HERR:
  Hast du mir weiter nichts zu sagen?
  Kommst du nur immer anzuklagen?
  Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

  MEPHISTOPHELES:
  Nein Herr!  ich find es dort, wie immer, herzlich schlecht.
  Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
  Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

  DER HERR:
  Kennst du den Faust?

  MEPHISTOPHELES:
  Den Doktor?

  DER HERR:
  Meinen Knecht!

  MEPHISTOPHELES:
  Frwahr!  er dient Euch auf besondre Weise.
  Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
  Ihn treibt die Grung in die Ferne,
  Er ist sich seiner Tollheit halb bewut;
  Vom Himmel fordert er die schnsten Sterne
  Und von der Erde jede hchste Lust,
  Und alle Nh und alle Ferne
  Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.

  DER HERR:
  Wenn er mir auch nur verworren dient,
  So werd ich ihn bald in die Klarheit fhren.
  Wei doch der Grtner, wenn das Bumchen grnt,
  Das Blt und Frucht die knft'gen Jahre zieren.

  MEPHISTOPHELES:
  Was wettet Ihr?  den sollt Ihr noch verlieren!
  Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
  Ihn meine Strae sacht zu fhren.

  DER HERR:
  Solang er auf der Erde lebt,
  So lange sei dir's nicht verboten,
  Es irrt der Mensch so lang er strebt.

  MEPHISTOPHELES:
  Da dank ich Euch; denn mit den Toten
  Hab ich mich niemals gern befangen.
  Am meisten lieb ich mir die vollen, frischen Wangen.
  Fr einem Leichnam bin ich nicht zu Haus;
  Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

  DER HERR:
  Nun gut, es sei dir berlassen!
  Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
  Und fhr ihn, kannst du ihn erfassen,
  Auf deinem Wege mit herab,
  Und steh beschmt, wenn du bekennen mut:
  Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange,
  Ist sich des rechten Weges wohl bewut.

  MEPHISTOPHELES:
  Schon gut!  nur dauert es nicht lange.
  Mir ist fr meine Wette gar nicht bange.
  Wenn ich zu meinem Zweck gelange,
  Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.
  Staub soll er fressen, und mit Lust,
  Wie meine Muhme, die berhmte Schlange.

  DER HERR:
  Du darfst auch da nur frei erscheinen;
  Ich habe deinesgleichen nie gehat.
  Von allen Geistern, die verneinen,
  ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.
  Des Menschen Ttigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
  er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
  Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
  Der reizt und wirkt und mu als Teufel schaffen.
  Doch ihr, die echten Gttershne,
  Erfreut euch der lebendig reichen Schne!
  Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,
  Umfass euch mit der Liebe holden Schranken,
  Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
  Befestigt mit dauernden Gedanken!
  (Der Himmel schliet, die Erzengel verteilen sich.)

  MEPHISTOPHELES (allein):
  Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
  Und hte mich, mit ihm zu brechen.
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.




  FAUST: Der Tragdie erster Teil

  Nacht.

  In einem hochgewlbten, engen gotischen Zimmer Faust,
  unruhig auf seinem Sessel am Pulte.

  FAUST:
  Habe nun, ach!  Philosophie,
  Juristerei und Medizin,
  Und leider auch Theologie
  Durchaus studiert, mit heiem Bemhn.
  Da steh ich nun, ich armer Tor!
  Und bin so klug als wie zuvor;
  Heie Magister, heie Doktor gar
  Und ziehe schon an die zehen Jahr
  Herauf, herab und quer und krumm
  Meine Schler an der Nase herum-
  Und sehe, da wir nichts wissen knnen!
  Das will mir schier das Herz verbrennen.
  Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
  Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
  Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
  Frchte mich weder vor Hlle noch Teufel-
  Dafr ist mir auch alle Freud entrissen,
  Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
  Bilde mir nicht ein, ich knnte was lehren,
  Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
  Auch hab ich weder Gut noch Geld,
  Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
  Es mchte kein Hund so lnger leben!
  Drum hab ich mich der Magie ergeben,
  Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
  Nicht manch Geheimnis wrde kund;
  Da ich nicht mehr mit saurem Schwei
  Zu sagen brauche, was ich nicht wei;
  Da ich erkenne, was die Welt
  Im Innersten zusammenhlt,
  Schau alle Wirkenskraft und Samen,
  Und tu nicht mehr in Worten kramen.

  O shst du, voller Mondenschein,
  Zum letztenmal auf meine Pein,
  Den ich so manche Mitternacht
  An diesem Pult herangewacht:
  Dann ber Bchern und Papier,
  Trbsel'ger Freund, erschienst du mir!
  Ach!  knnt ich doch auf Bergeshhn
  In deinem lieben Lichte gehn,
  Um Bergeshhle mit Geistern schweben,
  Auf Wiesen in deinem Dmmer weben,
  Von allem Wissensqualm entladen,
  In deinem Tau gesund mich baden!

  Weh!  steck ich in dem Kerker noch?
  Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
  Wo selbst das liebe Himmelslicht
  Trb durch gemalte Scheiben bricht!
  Beschrnkt mit diesem Bcherhauf,
  den Wrme nagen, Staub bedeckt,
  Den bis ans hohe Gewlb hinauf
  Ein angeraucht Papier umsteckt;
  Mit Glsern, Bchsen rings umstellt,
  Mit Instrumenten vollgepfropft,
  Urvter Hausrat drein gestopft-
  Das ist deine Welt!  das heit eine Welt!

  Und fragst du noch, warum dein Herz
  Sich bang in deinem Busen klemmt?
  Warum ein unerklrter Schmerz
  Dir alle Lebensregung hemmt?
  Statt der lebendigen Natur,
  Da Gott die Menschen schuf hinein,
  Umgibt in Rauch und Moder nur
  Dich Tiergeripp und Totenbein.

  Flieh!  auf!  hinaus ins weite Land!
  Und dies geheimnisvolle Buch,
  Von Nostradamus' eigner Hand,
  Ist dir es nicht Geleit genug?
  Erkennest dann der Sterne Lauf,
  Und wenn Natur dich Unterweist,
  Dann geht die Seelenkraft dir auf,
  Wie spricht ein Geist zum andren Geist.
  Umsonst, da trocknes Sinnen hier
  Die heil'gen Zeichen dir erklrt:
  Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;
  Antwortet mir, wenn ihr mich hrt!
  (Er schlgt das Buch auf und erblickt das Zeichen des Makrokosmus.)

  Ha!  welche Wonne fliet in diesem Blick
  Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!
  Ich fhle junges, heil'ges Lebensglck
  Neuglhend mir durch Nerv' und Adern rinnen.
  War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,
  Die mir das innre Toben stillen,
  Das arme Herz mit Freude fllen,
  Und mit geheimnisvollem Trieb
  Die Krfte der Natur rings um mich her enthllen?
  Bin ich ein Gott?  Mir wird so licht!
  Ich schau in diesen reinen Zgen
  Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.
  Jetzt erst erkenn ich, was der Weise spricht:
  "Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
  Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
  Auf, bade, Schler, unverdrossen
  Die ird'sche Brust im Morgenrot!"
  (er beschaut das Zeichen.)

  Wie alles sich zum Ganzen webt,
  Eins in dem andern wirkt und lebt!
  Wie Himmelskrfte auf und nieder steigen
  Und sich die goldnen Eimer reichen!
  Mit segenduftenden Schwingen
  Vom Himmel durch die Erde dringen,
  Harmonisch all das All durchklingen!

  Welch Schauspiel!  Aber ach!  ein Schauspiel nur!
  Wo fass ich dich, unendliche Natur?
  Euch Brste, wo?  Ihr Quellen alles Lebens,
  An denen Himmel und Erde hngt,
  Dahin die welke Brust sich drngt-
  Ihr quellt, ihr trnkt, und schmacht ich so vergebens?
  (er schlgt unwillig das Buch um und erblickt das Zeichen des Erdgeistes.)

  Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
  Du, Geist der Erde, bist mir nher;
  Schon fhl ich meine Krfte hher,
  Schon glh ich wie von neuem Wein.
  Ich fhle Mut, mich in die Welt zu wagen,
  Der Erde Weh, der Erde Glck zu tragen,
  Mit Strmen mich herumzuschlagen
  Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.
  Es wlkt sich ber mir-
  Der Mond verbirgt sein Licht-
  Die Lampe schwindet!
  Es dampft!  Es zucken rote Strahlen
  Mir um das Haupt- Es weht
  Ein Schauer vom Gewlb herab
  Und fat mich an!
  Ich fhl's, du schwebst um mich, erflehter Geist
  Enthlle dich!
  Ha!  wie's in meinem Herzen reit!
  Zu neuen Gefhlen
  All meine Sinnen sich erwhlen!
  Ich fhle ganz mein Herz dir hingegeben!
  Du mut!  du mut!  und kostet es mein Leben!
  (Er fat das Buch und spricht das Zeichen des Geistes geheimnisvoll aus.
  Es zuckt eine rtliche Flamme, der Geist erscheint in der Flamme.)

  GEIST:
  Wer ruft mir?

  FAUST (abgewendet):
  Schreckliches Gesicht!

  GEIST:
  Du hast mich mchtig angezogen,
  An meiner Sphre lang gesogen,
  Und nun-

  FAUST:
  Weh!  ich ertrag dich nicht!

  GEIST:
  Du flehst, eratmend mich zu schauen,
  Meine Stimme zu hren, mein Antlitz zu sehn;
  Mich neigt dein mchtig Seelenflehn,
  Da bin ich!- Welch erbrmlich Grauen
  Fat bermenschen dich!  Wo ist der Seele Ruf?
  Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf
  Und trug und hegte, die mit Freudebeben
  Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?
  Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang,
  Der sich an mich mit allen Krften drang?
  Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
  In allen Lebenslagen zittert,
  Ein furchtsam weggekrmmter Wurm?

  FAUST:
  Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
  Ich bin's, bin Faust, bin deinesgleichen!

  GEIST:
  In Lebensfluten, im Tatensturm
  Wall ich auf und ab,
  Wehe hin und her!
  Geburt und Grab,
  Ein ewiges Meer,
  Ein wechselndes Wehen,
  Ein glhend Leben,
  So schaff ich am laufenden Webstuhl der Zeit
  Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

  FAUST:
  Der du die weite Welt umschweifst,
  Geschftiger Geist, wie nah fhl ich mich dir!

  GEIST:
  Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
  Nicht mir!
  (verschwindet)

  FAUST (zusammenstrzend):
  Nicht dir?
  Wem denn?
  Ich Ebenbild der Gottheit!
  Und nicht einmal dir!
  (es klopft)

  O Tod!  ich kenn's- das ist mein Famulus-
  Es wird mein schnstes Glck zunichte!
  Da diese Flle der Gesichte
  Der trockne Schleicher stren mu!
  (Wagner im Schlafrock und der Nachtmtze, eine Lampe in der Hand.
  Faust wendet sich unwillig.)

  WAGNER:
  Verzeiht!  ich hr euch deklamieren;
  Ihr last gewi ein griechisch Trauerspiel?
  In dieser Kunst mcht ich was profitieren,
  Denn heutzutage wirkt das viel.
  Ich hab es fters rhmen hren,
  Ein Komdiant knnt einen Pfarrer lehren.

  FAUST:
  Ja, wenn der Pfarrer ein Komdiant ist;
  Wie das denn wohl zuzeiten kommen mag.

  WAGNER:
  Ach!  wenn man so in sein Museum gebannt ist,
  Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,
  Kaum durch ein Fernglas, nur von weitem,
  Wie soll man sie durch berredung leiten?

  FAUST:
  Wenn ihr's nicht fhlt, ihr werdet's nicht erjagen,
  Wenn es nicht aus der Seele dringt
  Und mit urkrftigem Behagen
  Die Herzen aller Hrer zwingt.
  Sitzt ihr nur immer!  leimt zusammen,
  Braut ein Ragout von andrer Schmaus
  Und blast die kmmerlichen Flammen
  Aus eurem Aschenhufchen 'raus!
  Bewundrung von Kindern und Affen,
  Wenn euch darnach der Gaumen steht-
  Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,
  Wenn es euch nicht von Herzen geht.

  WAGNER:
  Allein der Vortrag macht des Redners Glck;
  Ich fhl es wohl, noch bin ich weit zurck.

  FAUST:
  Such Er den redlichen Gewinn!
  Sei Er kein schellenlauter Tor!
  Es trgt Verstand und rechter Sinn
  Mit wenig Kunst sich selber vor!
  Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen,
  Ist's ntig, Worten nachzujagen?
  Ja, eure Reden, die so blinkend sind,
  In denen ihr der Menschheit Schnitzel kruselt,
  Sind unerquicklich wie der Nebelwind,
  Der herbstlich durch die drren Bltter suselt!

  WAGNER:
  Ach Gott!  die Kunst ist lang;
  Und kurz ist unser Leben.
  Mir wird, bei meinem kritischen Bestreben,
  Doch oft um Kopf und Busen bang.
  Wie schwer sind nicht die Mittel zu erwerben,
  Durch die man zu den Quellen steigt!
  Und eh man nur den halben Weg erreicht,
  Mu wohl ein armer Teufel sterben.

  FAUST:
  Das Pergament, ist das der heil'ge Bronnen,
  Woraus ein Trunk den Durst auf ewig stillt?
  Erquickung hast du nicht gewonnen,
  Wenn sie dir nicht aus eigner Seele quillt.

  WAGNER:
  Verzeiht!  es ist ein gro Ergetzen,
  Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
  Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
  Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

  FAUST:
  O ja, bis an die Sterne weit!
  Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
  Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
  Was ihr den Geist der Zeiten heit,
  Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
  In dem die Zeiten sich bespiegeln.
  Da ist's denn wahrlich oft ein Jammer!
  Man luft euch bei dem ersten Blick davon.
  Ein Kehrichtfa und eine Rumpelkammer
  Und hchstens eine Haupt- und Staatsaktion
  Mit trefflichen pragmatischen Maximen,
  Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!

  WAGNER:
  Allein die Welt!  des Menschen Herz und Geist!
  Mcht jeglicher doch was davon erkennen.

  FAUST:
  Ja, was man so erkennen heit!
  Wer darf das Kind beim Namen nennen?
  Die wenigen, die was davon erkannt,
  Die tricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,
  Dem Pbel ihr Gefhl, ihr Schauen offenbarten,
  Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
  Ich bitt Euch, Freund, es ist tief in der Nacht,
  Wir mssen's diesmal unterbrechen.

  WAGNER:
  Ich htte gern nur immer fortgewacht,
  Um so gelehrt mit Euch mich zu besprechen.
  Doch morgen, als am ersten Ostertage,
  Erlaubt mir ein' und andre Frage.
  Mit Eifer hab' ich mich der Studien beflissen;
  Zwar wei ich viel, doch mcht' ich alles wissen.
  (Ab.)

  FAUST (allein):
  Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
  Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
  Mit gier'ger Hand nach Schtzen grbt,
  Und froh ist, wenn er Regenwrmer findet!

  Darf eine solche Menschenstimme hier,
  Wo Geisterflle mich umgab, ertnen?
  Doch ach!  fr diesmal dank ich dir,
  Dem rmlichsten von allen Erdenshnen.
  Du rissest mich von der Verzweiflung los,
  Die mir die Sinne schon zerstren wollte.
  Ach!  die Erscheinung war so riesengro,
  Da ich mich recht als Zwerg empfinden sollte.

  Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
  Ganz nah gednkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
  Sein selbst geno in Himmelsglanz und Klarheit,
  Und abgestreift den Erdensohn;
  Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft
  Schon durch die Adern der Natur zu flieen
  Und, schaffend, Gtterleben zu genieen
  Sich ahnungsvoll verma, wie mu ich's ben!
  Ein Donnerwort hat mich hinweggerafft.

  Nicht darf ich dir zu gleichen mich vermessen;
  Hab ich die Kraft dich anzuziehn besessen,
  So hatt ich dich zu halten keine Kraft.
  In jenem sel'gen Augenblicke
  Ich fhlte mich so klein, so gro;
  Du stieest grausam mich zurcke,
  Ins ungewisse Menschenlos.
  Wer lehret mich?  was soll ich meiden?
  Soll ich gehorchen jenem Drang?
  Ach!  unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden,
  Sie hemmen unsres Lebens Gang.

  Dem Herrlichsten, was auch der Geist empfangen,
  Drngt immer fremd und fremder Stoff sich an;
  Wenn wir zum Guten dieser Welt gelangen,
  Dann heit das Bere Trug und Wahn.
  Die uns das Leben gaben, herrliche Gefhle
  Erstarren in dem irdischen Gewhle.

  Wenn Phantasie sich sonst mit khnem Flug
  Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert,
  So ist ein kleiner Raum ihr nun genug,
  Wenn Glck auf Glck im Zeitenstrudel scheitert.
  Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen,
  Dort wirket sie geheime Schmerzen,
  Unruhig wiegt sie sich und stret Lust und Ruh;
  Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu,
  Sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen,
  Als Feuer, Wasser, Dolch und Gift;
  Du bebst vor allem, was nicht trifft,
  Und was du nie verlierst, das mut du stets beweinen.

  Den Gttern gleich ich nicht!  zu tief ist es gefhlt;
  Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwhlt,
  Den, wie er sich im Staube nhrend lebt,
  Des Wandrers Tritt vernichtet und begrbt.

  Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand
  Aus hundert Fchern mit verenget?
  Der Trdel, der mit tausendfachem Tand
  In dieser Mottenwelt mich drnget?
  Hier soll ich finden, was mir fehlt?
  Soll ich vielleicht in tausend Bchern lesen,
  Da berall die Menschen sich geqult,
  Da hie und da ein Glcklicher gewesen?-
  Was grinsest du mir, hohler Schdel, her?
  Als da dein Hirn, wie meines, einst verwirret
  Den leichten Tag gesucht und in der Dmmrung schwer,
  Mit Lust nach Wahrheit, jmmerlich geirret.
  Ihr Instrumente freilich spottet mein,
  Mit Rad und Kmmen, Walz und Bgel:
  Ich stand am Tor, ihr solltet Schlssel sein;
  Zwar euer Bart ist kraus, doch hebt ihr nicht die Riegel.
  Geheimnisvoll am lichten Tag
  Lt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
  Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
  Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben.
  Du alt Gerte, das ich nicht gebraucht,
  Du stehst nur hier, weil dich mein Vater brauchte.
  Du alte Rolle, du wirst angeraucht,
  Solang an diesem Pult die trbe Lampe schmauchte.
  Weit besser htt ich doch mein Weniges verprat,
  Als mit dem Wenigen belastet hier zu schwitzen!
  Was du ererbt von deinen Vtern hast,
  Erwirb es, um es zu besitzen.
  Was man nicht ntzt, ist eine schwere Last,
  Nur was der Augenblick erschafft, das kann er ntzen.

  Doch warum heftet sich mein Blick auf jene Stelle?
  Ist jenes Flschchen dort den Augen ein Magnet?
  Warum wird mir auf einmal lieblich helle,
  Als wenn im ncht'gen Wald uns Mondenglanz umweht?

  Ich gre dich, du einzige Phiole,
  Die ich mit Andacht nun herunterhole!
  In dir verehr ich Menschenwitz und Kunst.
  Du Inbegriff der holden Schlummersfte,
  Du Auszug aller tdlich feinen Krfte,
  Erweise deinem Meister deine Gunst!
  Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
  Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
  Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.
  Ins hohe Meer werd ich hinausgewiesen,
  Die Spiegelflut erglnzt zu meinen Fen,
  Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

  Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
  An mich heran!  Ich fhle mich bereit,
  Auf neuer Bahn den ther zu durchdringen,
  Zu neuen Sphren reiner Ttigkeit.
  Dies hohe Leben, diese Gtterwonne!
  Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
  Ja, kehre nur der holden Erdensonne
  Entschlossen deinen Rcken zu!
  Vermesse dich, die Pforten aufzureien,
  Vor denen jeder gern vorberschleicht!
  Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen,
  Das Manneswrde nicht der Gtterhhe weicht,
  Vor jener dunkeln Hhle nicht zu beben,
  In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,
  Nach jenem Durchgang hinzustreben,
  Um dessen engen Mund die ganze Hlle flammt;
  Zu diesem Schritt sich heiter zu entschlieen,
  Und wr es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu flieen.

  Nun komm herab, kristallne reine Schale!
  Hervor aus deinem alten Futterale,
  An die ich viele Jahre nicht gedacht!
  Du glnzetst bei der Vter Freudenfeste,
  Erheitertest die ernsten Gste,
  Wenn einer dich dem andern zugebracht.
  Der vielen Bilder knstlich reiche Pracht,
  Des Trinkers Pflicht, sie reimweis zu erklren,
  Auf einen Zug die Hhlung auszuleeren,
  Erinnert mich an manche Jugendnacht.
  Ich werde jetzt dich keinem Nachbar reichen,
  Ich werde meinen Witz an deiner Kunst nicht zeigen.
  Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht;
  Mit brauner Flut erfllt er deine Hhle.
  Den ich bereit, den ich whle,
  "Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
  Als festlich hoher Gru, dem Morgen zugebracht!
  (Er setzt die Schale an den Mund.)
  Glockenklang und Chorgesang.

  CHOR DER ENGEL:
  Christ ist erstanden!
  Freude dem Sterblichen,
  Den die verderblichen,
  Schleichenden, erblichen
  Mngel unwanden.

  FAUST:
  Welch tiefes Summen, welch heller Ton
  Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
  Verkndigt ihr dumpfen Glocken schon
  Des Osterfestes erste Feierstunde?
  Ihr Chre, singt ihr schon den trstlichen Gesang,
  Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
  Gewiheit einem neuen Bunde?

  CHOR DER WEIBER:
  Mit Spezereien
  Hatten wir ihn gepflegt,
  Wir seine Treuen
  Hatten ihn hingelegt;
  Tcher und Binden
  Reinlich unwanden wir,
  Ach!  und wir finden
  Christ nicht mehr hier.

  CHOR DER ENGEL:
  Christ ist erstanden!
  Selig der Liebende,
  Der die betrbende,
  Heilsam und bende
  Prfung bestanden.

  FAUST:
  Was sucht ihr, mchtig und gelind,
  Ihr Himmelstne, mich am Staube?
  Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
  Die Botschaft hr ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
  Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
  Zu jenen Sphren wag ich nicht zu streben,
  Woher die holde Nachricht tnt;
  Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewhnt,
  Ruft er auch jetzt zurck mich in das Leben.
  Sonst strzte sich der Himmelsliebe Ku
  Auf mich herab in ernster Sabbatstille;
  Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Flle,
  Und ein Gebet war brnstiger Genu;
  Ein unbegreiflich holdes Sehnen
  Trieb mich, durch Wald und Wiesen hinzugehn,
  Und unter tausend heien Trnen
  Fhlt ich mir eine Welt entstehn.
  Dies Lied verkndete der Jugend muntre Spiele,
  Der Frhlingsfeier freies Glck;
  Erinnrung hlt mich nun, mit kindlichem Gefhle,
  Vom letzten, ernsten Schritt zurck.
  O tnet fort, ihr sen Himmelslieder!
  Die Trne quillt, die Erde hat mich wieder!

  CHOR DER JNGER:
  Hat der Begrabene
  Schon sich nach oben,
  Lebend Erhabene,
  Herrlich erhoben;
  Ist er in Werdeluft
  Schaffender Freude nah:
  Ach!  an der Erde Brust
  Sind wir zum Leide da.
  Lie er die Seinen
  Schmachtend uns hier zurck;
  Ach!  wir beweinen,
  Meister, dein Glck!

  CHOR DER ENGEL:
  Christ ist erstanden,
  Aus der Verwesung Scho.
  Reiet von Banden
  Freudig euch los!
  Ttig ihn preisenden,
  Liebe beweisenden,
  Brderlich speisenden,
  Predigend reisenden,
  Wonne verheienden
  Euch ist der Meister nah,
  Euch ist er da!



  Vor dem Tor

  Spaziergnger aller Art ziehen hinaus.


  EINIGE HANDWERKSBURSCHE:
  Warum denn dort hinaus?

  ANDRE:
  Wir gehn hinaus aufs Jgerhaus.

  DIE ERSTEN:
  Wir aber wollen nach der Mhle wandern.

  EIN HANDWERKSBURSCH:
  Ich rat euch, nach dem Wasserhof zu gehn.

  ZWEITER:
  Der Weg dahin ist gar nicht schn.

  DIE ZWEITEN:
  Was tust denn du?

  EIN DRITTER:
  Ich gehe mit den andern.

  VIERTER:
  Nach Burgdorf kommt herauf, gewi dort findet ihr
  Die schnsten Mdchen und das beste Bier,
  Und Hndel von der ersten Sorte.

  FNFTER:
  Du berlustiger Gesell,
  Juckt dich zum drittenmal das Fell?
  Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

  DIENSTMDCHEN:
  Nein, nein!  ich gehe nach der Stadt zurck.

  ANDRE:
  Wir finden ihn gewi bei jenen Pappeln stehen.

  ERSTE:
  Das ist fr mich kein groes Glck;
  Er wird an deiner Seite gehen,
  Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
  Was gehn mich deine Freuden an!

  ANDRE:
  Heut ist er sicher nicht allein,
  Der Krauskopf, sagt er, wrde bei ihm sein.

  SCHLER:
  Blitz, wie die wackern Dirnen schreiten!
  Herr Bruder, komm!  wir mssen sie begleiten.
  Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
  Und eine Magd im Putz, das ist nun mein Geschmack.

  BRGERMDCHEN:
  Da sieh mir nur die schnen Knaben!
  Es ist wahrhaftig eine Schmach:
  Gesellschaft knnten sie die allerbeste haben,
  Und laufen diesen Mgden nach!
  ZWEITER SCHLER (zum ersten):
  Nicht so geschwind!  dort hinten kommen zwei,
  Sie sind gar niedlich angezogen,
  's ist meine Nachbarin dabei;
  Ich bin dem Mdchen sehr gewogen.
  Sie gehen ihren stillen Schritt
  Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

  ERSTER:
  Herr Bruder, nein!  Ich bin nicht gern geniert.
  Geschwind!  da wir das Wildbret nicht verlieren.
  Die Hand, die samstags ihren Besen fhrt
  Wird sonntags dich am besten karessieren.

  BRGER:
  Nein, er gefllt mir nicht, der neue Burgemeister!
  Nun, da er's ist, wird er nur tglich dreister.
  Und fr die Stadt was tut denn er?
  Wird es nicht alle Tage schlimmer?
  Gehorchen soll man mehr als immer,
  Und zahlen mehr als je vorher.

  BETTLER (singt):
  Ihr guten Herrn, ihr schnen Frauen,
  So wohlgeputzt und backenrot,
  Belieb es euch, mich anzuschauen,
  Und seht und mildert meine Not!
  Lat hier mich nicht vergebens leiern!
  Nur der ist froh, der geben mag.
  Ein Tag, den alle Menschen feiern,
  Er sei fr mich ein Erntetag.

  ANDRER BRGER:
  Nichts Bessers wei ich mir an Sonn- und Feiertagen
  Als ein Gesprch von Krieg und Kriegsgeschrei,
  Wenn hinten, weit, in der Trkei,
  Die Vlker aufeinander schlagen.
  Man steht am Fenster, trinkt sein Glschen aus
  Und sieht den Flu hinab die bunten Schiffe gleiten;
  Dann kehrt man abends froh nach Haus,
  Und segnet Fried und Friedenszeiten.

  DRITTER BRGER:
  Herr Nachbar, ja!  so la ich's auch geschehn:
  Sie mgen sich die Kpfe spalten,
  Mag alles durcheinander gehn;
  Doch nur zu Hause bleib's beim alten.
  ALTE (zu den Brgermdchen):
  Ei!  wie geputzt!  das schne junge Blut!
  Wer soll sich nicht in euch vergaffen?-
  Nur nicht so stolz!  es ist schon gut!
  Und was ihr wnscht, das wt ich wohl zu schaffen.

  BRGERMDCHEN:
  Agathe, fort!  ich nehme mich in acht,
  Mit solchen Hexen ffentlich zu gehen;
  Sie lie mich zwar in Sankt Andreas' Nacht
  Den knft'gen Liebsten leiblich sehen-
  DIE ANDRE:
  Mir zeigte sie ihn im Kristall,
  Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
  Ich seh mich um, ich such ihn berall,
  Allein mir will er nicht begegnen.

  SOLDATEN:
  Burgen mit hohen
  Mauern und Zinnen,
  Mdchen mit stolzen
  Hhnenden Sinnen
  Mcht ich gewinnen!
  Khn ist das Mhen,
  Herrlich der Lohn!

  Und die Trompete
  Lassen wir werben,
  Wie zu der Freude,
  So zum Verderben.
  Das ist ein Strmen!
  Das ist ein Leben!
  Mdchen und Burgen
  Mssen sich geben.
  Khn ist das Mhen,
  Herrlich der Lohn!
  Und die Soldaten
  Ziehen davon.


  Faust und Wagner.

  FAUST:
  Vom Eise befreit sind Strom und Bche
  Durch des Frhlings holden, belebenden Blick;
  Im Tale grnet Hoffnungsglck;
  Der alte Winter, in seiner Schwche,
  Zog sich in rauhe Berge zurck.
  Von dorther sendet er, fliehend, nur
  Ohnmchtige Schauer kornigen Eises
  In Streifen ber die grnende Flur;
  Aber die Sonne duldet kein Weies,
  berall regt sich Bildung und Streben,
  Alles will sie mit Farben beleben;
  Doch an Blumen fehlt's im Revier
  Sie nimmt geputzte Menschen dafr.
  Kehre dich um, von diesen Hhen
  Nach der Stadt zurckzusehen.
  Aus dem hohlen finstern Tor
  Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
  Jeder sonnt sich heute so gern.
  Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
  Denn sie sind selber auferstanden,
  Aus niedriger Huser dumpfen Gemchern,
  Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
  Aus dem Druck von Giebeln und Dchern,
  Aus der Straen quetschender Enge,
  Aus der Kirchen ehrwrdiger Nacht
  Sind sie alle ans Licht gebracht.
  Sieh nur, sieh!  wie behend sich die Menge
  Durch die Grten und Felder zerschlgt,
  Wie der Flu, in Breit und Lnge
  So manchen lustigen Nachen bewegt,
  Und bis zum Sinken berladen
  Entfernt sich dieser letzte Kahn.
  Selbst von des Berges fernen Pfaden
  Blinken uns farbige Kleider an.
  Ich hre schon des Dorfs Getmmel,
  Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
  Zufrieden jauchzet gro und klein:
  Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

  WAGNER:
  Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren
  Ist ehrenvoll und ist Gewinn;
  Doch wrd ich nicht allein mich her verlieren,
  Weil ich ein Feind von allem Rohen bin.
  Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben
  Ist mir ein gar verhater Klang;
  Sie toben wie vom bsen Geist getrieben
  Und nennen's Freude.  nennen's Gesang.


  Bauern unter der Linde.  Tanz und Gesang.

  Der Schfer putzte sich zum Tanz,
  Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
  Schmuck war er angezogen.
  Schon um die Linde war es voll,
  Und alles tanzte schon wie toll.
  Juchhe!  Juchhe!
  Juchheisa!  Heisa!  He!
  So ging der Fiedelbogen.

  Er drckte hastig sich heran,
  Da stie er an ein Mdchen an
  Mit seinem Ellenbogen;
  Die frische Dirne kehrt, sich um
  Und sagte: Nun, das find ich dumm!
  Juchhe!  Juchhe!
  Juchheisa!  Heisa!  He!
  Seid nicht so ungezogen!

  Doch hurtig in dem Kreise ging's,
  Sie tanzten rechts, sie tanzten links,
  Und alle Rcke flogen.
  Sie wurden rot, sie wurden warm
  Und ruhten atmend Arm in Arm,
  Juchhe!  Juchhe!
  Juchheisa!  Heisa!  He!
  Und Hft an Ellenbogen.

  Und tu mir doch nicht so vertraut!
  Wie mancher hat nicht seine Braut
  Belogen und betrogen!
  Er schmeichelte sie doch bei Seit,
  Und von der Linde scholl es weit:
  Juchhe!  Juchhe!
  Juchheisa!  Heisa!  He!
  Geschrei und Fiedelbogen.

  ALTER BAUER:
  Herr Doktor, das ist schn von Euch,
  Da Ihr uns heute nicht verschmht,
  Und unter dieses Volksgedrng,
  Als ein so Hochgelahrter, geht.
  So nehmet auch den schnsten Krug,
  Den wir mit frischem Trunk gefllt,
  Ich bring ihn zu und wnsche laut,
  Da er nicht nur den Durst Euch stillt:
  Die Zahl der Tropfen, die er hegt,
  Sei Euren Tagen zugelegt.

  FAUST:
  Ich nehme den Erquickungstrank
  Erwidr' euch allen Heil und Dank.
  (Das Volk sammelt sich im Kreis umher.)

  ALTER BAUER:
  Frwahr, es ist sehr wohl getan,
  Da Ihr am frohen Tag erscheint;
  Habt Ihr es vormals doch mit uns
  An bsen Tagen gut gemeint!
  Gar mancher steht lebendig hier
  Den Euer Vater noch zuletzt
  Der heien Fieberwut entri,
  Als er der Seuche Ziel gesetzt.
  Auch damals Ihr, ein junger Mann,
  Ihr gingt in jedes Krankenhaus,
  Gar manche Leiche trug man fort,
  Ihr aber kamt gesund heraus,
  Bestandet manche harte Proben;
  Dem Helfer half der Helfer droben.

  ALLE:
  Gesundheit dem bewhrten Mann,
  Da er noch lange helfen kann!

  FAUST:
  Vor jenem droben steht gebckt,
  Der helfen lehrt und Hlfe schickt.
  (Er geht mit Wagnern weiter.)

  WAGNER:
  Welch ein Gefhl mut du, o groer Mann,
  Bei der Verehrung dieser Menge haben!
  O glcklich, wer von seinen Gaben
  Solch einen Vorteil ziehen kann!
  Der Vater zeigt dich seinem Knaben,
  Ein jeder fragt und drngt und eilt,
  Die Fiedel stockt, der Tnzer weilt.
  Du gehst, in Reihen stehen sie,
  Die Mtzen fliegen in die Hh;
  Und wenig fehlt, so beugten sich die Knie,
  Als km das Venerabile.

  FAUST:
  Nur wenig Schritte noch hinauf zu jenem Stein,
  Hier wollen wir von unsrer Wandrung rasten.
  Hier sa ich oft gedankenvoll allein
  Und qulte mich mit Beten und mit Fasten.
  An Hoffnung reich, im Glauben fest,
  Mit Trnen, Seufzen, Hnderingen
  Dacht ich das Ende jener Pest
  Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
  Der Menge Beifall tnt mir nun wie Hohn.
  O knntest du in meinem Innern lesen,
  Wie wenig Vater und Sohn
  Solch eines Ruhmes wert gewesen!
  Mein Vater war ein dunkler Ehrenmann,
  Der ber die Natur und ihre heil'gen Kreise
  In Redlichkeit, jedoch auf seine Weise,
  Mit grillenhafter Mhe sann;
  Der, in Gesellschaft von Adepten,
  Sich in die schwarze Kche schlo,
  Und, nach unendlichen Rezepten,
  Das Widrige zusammengo.
  Da ward ein roter Leu, ein khner Freier,
  Im lauen Bad der Lilie vermhlt,
  Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
  Aus einem Brautgemach ins andere geqult.
  Erschien darauf mit bunten Farben
  Die junge Knigin im Glas,
  Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
  Und niemand fragte: wer genas?
  So haben wir mit hllischen Latwergen
  In diesen Tlern, diesen Bergen
  Weit schlimmer als die Pest getobt.
  Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben:
  Sie welkten hin, ich mu erleben,
  Da man die frechen Mrder lobt.

  WAGNER:
  Wie knnt Ihr Euch darum betrben!
  Tut nicht ein braver Mann genug,
  Die Kunst, die man ihm bertrug,
  Gewissenhaft und pnktlich auszuben?
  Wenn du als Jngling deinen Vater ehrst,
  So wirst du gern von ihm empfangen;
  Wenn du als Mann die Wissenschaft vermehrst,
  So kann dein Sohn zu hhrem Ziel gelangen.

  FAUST:
  O glcklich, wer noch hoffen kann,
  Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
  Was man nicht wei, das eben brauchte man,
  Und was man wei, kann man nicht brauchen.
  Doch la uns dieser Stunde schnes Gut
  Durch solchen Trbsinn nicht verkmmern!
  Betrachte, wie in Abendsonne-Glut
  Die grnumgebnen Htten schimmern.
  Sie rckt und weicht, der Tag ist berlebt,
  Dort eilt sie hin und frdert neues Leben.
  O da kein Flgel mich vom Boden hebt
  Ihr nach und immer nach zu streben!
  Ich sh im ewigen Abendstrahl
  Die stille Welt zu meinen Fen,
  Entzndet alle Hhn beruhigt jedes Tal,
  Den Silberbach in goldne Strme flieen.
  Nicht hemmte dann den gttergleichen Lauf
  Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;
  Schon tut das Meer sich mit erwrmten Buchten
  Vor den erstaunten Augen auf.
  Doch scheint die Gttin endlich wegzusinken;
  Allein der neue Trieb erwacht,
  Ich eile fort, ihr ew'ges Licht zu trinken,
  Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht,
  Den Himmel ber mir und unter mir die Wellen.
  Ein schner Traum, indessen sie entweicht.
  Ach!  zu des Geistes Flgeln wird so leicht
  Kein krperlicher Flgel sich gesellen.
  Doch ist es jedem eingeboren
  Da sein Gefhl hinauf und vorwrts dringt,
  Wenn ber uns, im blauen Raum verloren,
  Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
  Wenn ber schroffen Fichtenhhen
  Der Adler ausgebreitet schwebt,
  Und ber Flchen, ber Seen
  Der Kranich nach der Heimat strebt.

  WAGNER:
  Ich hatte selbst oft grillenhafte Stunden,
  Doch solchen Trieb hab ich noch nie empfunden.
  Man sieht sich leicht an Wald und Feldern satt;
  Des Vogels Fittich werd ich nie beneiden.
  Wie anders tragen uns die Geistesfreuden
  Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
  Da werden Winternchte hold und schn
  Ein selig Leben wrmet alle Glieder,
  Und ach!  entrollst du gar ein wrdig Pergamen,
  So steigt der ganze Himmel zu dir nieder.

  FAUST:
  Du bist dir nur des einen Triebs bewut,
  O lerne nie den andern kennen!
  Zwei Seelen wohnen, ach!  in meiner Brust,
  Die eine will sich von der andern trennen;
  Die eine hlt, in derber Liebeslust,
  Sich an die Welt mit klammernden Organen;
  Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
  Zu den Gefilden hoher Ahnen.
  O gibt es Geister in der Luft,
  Die zwischen Erd und Himmel herrschend weben
  So steiget nieder aus dem goldnen Duft
  Und fhrt mich weg zu neuem, buntem Leben!
  Ja, wre nur ein Zaubermantel mein,
  Und trg er mich in fremde Lnder!
  Mir sollt er um die kstlichsten Gewnder,
  Nicht feil um einen Knigsmantel sein.

  WAGNER:
  Berufe nicht die wohlbekannte Schar,
  Die strmend sich im Dunstkreis berbreitet,
  Dem Menschen tausendfltige Gefahr,
  Von allen Enden her, bereitet.
  Von Norden dringt der scharfe Geisterzahn
  Auf dich herbei, mit pfeilgespitzten Zungen;
  Von Morgen ziehn, vertrocknend, sie heran,
  Und nhren sich von deinen Lungen;
  Wenn sie der Mittag aus der Wste schickt,
  Die Glut auf Glut um deinen Scheitel hufen
  So bringt der West den Schwarm, der erst erquickt,
  Um dich und Feld und Aue zu ersufen.
  Sie hren gern, zum Schaden froh gewandt,
  Gehorchen gern, weil sie uns gern betrgen;
  Sie stellen wie vom Himmel sich gesandt,
  Und lispeln englisch, wenn sie lgen.
  Doch gehen wir!  Ergraut ist schon die Welt,
  Die Luft gekhlt, der Nebel fllt!
  Am Abend schtzt man erst das Haus.-
  Was stehst du so und blickst erstaunt hinaus?
  Was kann dich in der Dmmrung so ergreifen?

  FAUST:
  Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?

  WAGNER:
  Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.

  FAUST:
  Betracht ihn recht!  fr was hltst du das Tier?

  WAGNER:
  Fr einen Pudel, der auf seine Weise
  Sich auf der Spur des Herren plagt.

  FAUST:
  Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise
  Er um uns her und immer nher jagt?
  Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel
  Auf seinen Pfaden hinterdrein.

  WAGNER:
  Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel;
  Es mag bei Euch wohl Augentuschung sein.

  FAUST:
  Mir scheint es, da er magisch leise Schlingen
  Zu knft'gem Band um unsre Fe zieht.

  WAGNER:
  Ich seh ihn ungewi und furchtsam uns umspringen,
  Weil er, statt seines Herrn, zwei Unbekannte sieht.

  FAUST:
  Der Kreis wird eng, schon ist er nah!

  WAGNER:
  Du siehst!  ein Hund, und kein Gespenst ist da.
  Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch,
  Er wedelt.  Alles Hundebrauch.

  FAUST:
  Geselle dich zu uns!  Komm hier!

  WAGNER:
  Es ist ein pudelnrrisch Tier.
  Du stehest still, er wartet auf;
  Du sprichst ihn an, er strebt an dir hinauf;
  Verliere was, er wird es bringen,
  Nach deinem Stock ins Wasser springen.

  FAUST:
  Du hast wohl recht; ich finde nicht die Spur
  Von einem Geist, und alles ist Dressur.

  WAGNER:
  Dem Hunde, wenn er gut gezogen,
  Wird selbst ein weiser Mann gewogen.
  Ja, deine Gunst verdient er ganz und gar,
  Er, der Studenten trefflicher Skolar.
  (Sie gehen in das Stadttor.)



  Studierzimmer

  Faust mit dem Pudel hereintretend.


  FAUST:
  Verlassen hab ich Feld und Auen,
  Die eine tiefe Nacht bedeckt,
  Mit ahnungsvollem, heil'gem Grauen
  In uns die bere Seele weckt.
  Entschlafen sind nun wilde Triebe
  Mit jedem ungestmen Tun;
  Es reget sich die Menschenliebe,
  Die Liebe Gottes regt sich nun.  Sei ruhig, Pudel!  renne nicht hin und
  wider!
  An der Schwelle was schnoperst du hier?
  Lege dich hinter den Ofen nieder,
  Mein bestes Kissen geb ich dir.
  Wie du drauen auf dem bergigen Wege
  Durch Rennen und Springen ergetzt uns hast,
  So nimm nun auch von mir die Pflege,
  Als ein willkommner stiller Gast.  Ach wenn in unsrer engen Zelle
  Die Lampe freundlich wieder brennt,
  Dann wird's in unserm Busen helle,
  Im Herzen, das sich selber kennt.
  Vernunft fngt wieder an zu sprechen,
  Und Hoffnung wieder an zu blhn,
  Man sehnt sich nach des Lebens Bchen,
  Ach!  nach des Lebens Quelle hin.  Knurre nicht, Pudel!  Zu den heiligen
  Tnen,
  Die jetzt meine ganze Seel umfassen,
  Will der tierische Laut nicht passen.
  Wir sind gewohnt, da die Menschen verhhnen,
  Was sie nicht verstehn,
  Da sie vor dem Guten und Schnen,
  Das ihnen oft beschwerlich ist, murren;
  Will es der Hund, wie sie, beknurren?

  Aber ach!  schon fhl ich, bei dem besten Willen,
  Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
  Aber warum mu der Strom so bald versiegen,
  Und wir wieder im Durste liegen?
  Davon hab ich so viel Erfahrung.
  Doch dieser Mangel lt sich ersetzen,
  Wir lernen das berirdische schtzen,
  Wir sehnen uns nach Offenbarung,
  Die nirgends wrd'ger und schner brennt
  Als in dem Neuen Testament.
  Mich drngt's, den Grundtext aufzuschlagen,
  Mit redlichem Gefhl einmal
  Das heilige Original
  In mein geliebtes Deutsch zu bertragen,
  (Er schlgt ein Volum auf und schickt sich an.)

  Geschrieben steht: "Im Anfang war das Wort!"
  Hier stock ich schon!  Wer hilft mir weiter fort?
  Ich kann das Wort so hoch unmglich schtzen,
  Ich mu es anders bersetzen,
  Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
  Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
  Bedenke wohl die erste Zeile,
  Da deine Feder sich nicht bereile!
  Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
  Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
  Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
  Schon warnt mich was, da ich dabei nicht bleibe.
  Mir hilft der Geist!  Auf einmal seh ich Rat
  Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

  Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
  Pudel, so la das Heulen,
  So la das Bellen!
  Solch einen strenden Gesellen
  Mag ich nicht in der Nhe leiden.
  Einer von uns beiden
  Mu die Zelle meiden.
  Ungern heb ich das Gastrecht auf,
  Die Tr ist offen, hast freien Lauf.
  Aber was mu ich sehen!
  Kann das natrlich geschehen?
  Ist es Schatten?  ist's Wirklichkeit?
  Wie wird mein Pudel lang und breit!
  Er hebt sich mit Gewalt,
  Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
  Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
  Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
  Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebi.
  Oh!  du bist mir gewi!
  Fr solche halbe Hllenbrut
  Ist Salomonis Schlssel gut.
  GEISTER (auf dem Gange):
  Drinnen gefangen ist einer!
  Bleibet hauen, folg ihm keiner!
  Wie im Eisen der Fuchs,
  Zagt ein alter Hllenluchs.
  Aber gebt acht!
  Schwebet hin, schwebet wider,
  Auf und nieder,
  Und er hat sich losgemacht.
  Knnt ihr ihm ntzen,
  Lat ihn nicht sitzen!
  Denn er tat uns allen
  Schon viel zu Gefallen.

  FAUST:
  Erst zu begegnen dem Tiere,
  Brauch ich den Spruch der Viere: Salamander soll glhen,
  Undene sich winden,
  Sylphe verschwinden,
  Kobold sich mhen.  Wer sie nicht kennte
  Die Elemente,
  Ihre Kraft
  Und Eigenschaft,
  Wre kein Meister
  ber die Geister.  Verschwind in Flammen,
  Salamander!
  Rauschend fliee zusammen,
  Undene!
  Leucht in Meteoren-Schne,
  Sylphe!
  Bring husliche Hlfe,
  Incubus!  Incubus!
  Tritt hervor und mache den Schlu!  Keines der Viere
  Steckt in dem Tiere.
  Es liegt ganz ruhig und grinst mich an;
  Ich hab ihm noch nicht weh getan.
  Du sollst mich hren
  Strker beschwren.  Bist du, Geselle
  Ein Flchtling der Hlle?
  So sieh dies Zeichen
  Dem sie sich beugen,
  Die schwarzen Scharen!  Schon schwillt es auf mit borstigen Haaren.
  Verworfnes Wesen!
  Kannst du ihn lesen?
  Den nie Entspronen,
  Unausgesprochnen,
  Durch alle Himmel Gegonen,
  Freventlich Durchstochnen?  Hinter den Ofen gebannt,
  Schwillt es wie ein Elefant
  Den ganzen Raum fllt es an,
  Es will zum Nebel zerflieen.
  Steige nicht zur Decke hinan!
  Lege dich zu des Meisters Fen!
  Du siehst, da ich nicht vergebens drohe.
  Ich versenge dich mit heiliger Lohe!
  Erwarte nicht
  Das dreimal glhende Licht!
  Erwarte nicht
  Die strkste von meinen Knsten!
  (Mephistopheles tritt, indem der Nebel fllt, gekleidet wie ein
  fahrender Scholastikus, hinter dem Ofen hervor.)

  MEPHISTOPHELES:
  Wozu der Lrm?  was steht dem Herrn zu Diensten?

  FAUST:
  Das also war des Pudels Kern!
  Ein fahrender Skolast?  Der Kasus macht mich lachen.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich salutiere den gelehrten Herrn!
  Ihr habt mich weidlich schwitzen machen.

  FAUST:
  Wie nennst du dich?

  MEPHISTOPHELES:
  Die Frage scheint mir klein Fr einen, der das Wort so sehr verachtet,
  Der, weit entfernt von allem Schein,
  Nur in der Wesen Tiefe trachtet.

  FAUST:
  Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen
  Gewhnlich aus dem Namen lesen,
  Wo es sich allzu deutlich weist,
  Wenn man euch Fliegengott, Verderber, Lgner heit.
  Nun gut, wer bist du denn?

  MEPHISTOPHELES:
  Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Bse will und stets das Gute
  schafft.

  FAUST:
  Was ist mit diesem Rtselwort gemeint?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich bin der Geist, der stets verneint!
  Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
  Ist wert, da es zugrunde geht;
  Drum besser wr's, da nichts entstnde.
  So ist denn alles, was ihr Snde,
  Zerstrung, kurz, das Bse nennt,
  Mein eigentliches Element.

  FAUST:
  Du nennst dich einen Teil, und stehst doch ganz vor mir?

  MEPHISTOPHELES:
  Bescheidne Wahrheit sprech ich dir.
  Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt
  Gewhnlich fr ein Ganzes hlt-
  Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war
  Ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar
  Das stolze Licht, das nun der Mutter Nacht
  Den alten Rang, den Raum ihr streitig macht,
  Und doch gelingt's ihm nicht, da es, so viel es strebt,
  Verhaftet an den Krpern klebt.
  Von Krpern strmt's, die Krper macht es schn,
  Ein Krper hemmt's auf seinem Gange;
  So, hoff ich, dauert es nicht lange,
  Und mit den Krpern wird's zugrunde gehn.

  FAUST:
  Nun kenn ich deine wrd'gen Pflichten!
  Du kannst im Groen nichts vernichten
  Und fngst es nun im Kleinen an.

  MEPHISTOPHELES:
  Und freilich ist nicht viel damit getan.
  Was sich dem Nichts entgegenstellt,
  Das Etwas, diese plumpe Welt
  So viel als ich schon unternommen
  Ich wute nicht ihr beizukommen
  Mit Wellen, Strmen, Schtteln, Brand-
  Geruhig bleibt am Ende Meer und Land!
  Und dem verdammten Zeug, der Tier- und Menschenbrut,
  Dem ist nun gar nichts anzuhaben:
  Wie viele hab ich schon begraben!
  Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.
  So geht es fort, man mchte rasend werden!
  Der Luft, dem Wasser wie der Erden
  Entwinden tausend Keime sich,
  Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!
  Htt ich mir nicht die Flamme vorbehalten,
  Ich htte nichts Aparts fr mich.

  FAUST:
  So setzest du der ewig regen,
  Der heilsam schaffenden Gewalt
  Die kalte Teufelsfaust entgegen,
  Die sich vergebens tckisch ballt!
  Was anders suche zu beginnen
  Des Chaos wunderlicher Sohn!

  MEPHISTOPHELES:
  Wir wollen wirklich uns besinnen,
  Die nchsten Male mehr davon!
  Drft ich wohl diesmal mich entfernen?

  FAUST:
  Ich sehe nicht, warum du fragst.
  Ich habe jetzt dich kennen lernen
  Besuche nun mich, wie du magst.
  Hier ist das Fenster, hier die Tre,
  Ein Rauchfang ist dir auch gewi.

  MEPHISTOPHELES:
  Gesteh ich's nur!  da ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfu auf Eurer Schwelle-

  FAUST:
  Das Pentagramma macht dir Pein?
  Ei sage mir, du Sohn der Hlle,
  Wenn das dich bannt, wie kamst du denn herein?
  Wie ward ein solcher Geist betrogen?

  MEPHISTOPHELES:
  Beschaut es recht!  es ist nicht gut gezogen:
  Der eine Winkel, der nach auen zu,
  Ist, wie du siehst, ein wenig offen.

  FAUST:
  Das hat der Zufall gut getroffen!
  Und mein Gefangner wrst denn du?
  Das ist von ungefhr gelungen!

  MEPHISTOPHELES:
  Der Pudel merkte nichts, als er hereingesprungen,
  Die Sache sieht jetzt anders aus:
  Der Teufel kann nicht aus dem Haus.

  FAUST:
  Doch warum gehst du nicht durchs Fenster?

  MEPHISTOPHELES:
  's ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
  Wo sie hereingeschlpft, da mssen sie hinaus.
  Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.

  FAUST:
  Die Hlle selbst hat ihre Rechte?
  Das find ich gut, da liee sich ein Pakt,
  Und sicher wohl, mit euch, ihr Herren, schlieen?

  MEPHISTOPHELES:
  Was man verspricht, das sollst du rein genieen,
  Dir wird davon nichts abgezwackt.
  Doch das ist nicht so kurz zu fassen,
  Und wir besprechen das zunchst
  Doch jetzo bitt ich, hoch und hchst,
  Fr dieses Mal mich zu entlassen.

  FAUST:
  So bleibe doch noch einen Augenblick,
  Um mir erst gute Mr zu sagen.

  MEPHISTOPHELES:
  Jetzt la mich los!  ich komme bald zurck;
  Dann magst du nach Belieben fragen.

  FAUST:
  Ich habe dir nicht nachgestellt,
  Bist du doch selbst ins Garn gegangen.
  Den Teufel halte, wer ihn hlt!
  Er wird ihn nicht so bald zum zweiten Male fangen.

  MEPHISTOPHELES:
  Wenn dir's beliebt, so bin ich auch bereit,
  Dir zur Gesellschaft hier zu bleiben;
  Doch mit Bedingnis, dir die Zeit
  Durch meine Knste wrdig zu vertreiben.

  FAUST:
  Ich seh es gern, das steht dir frei;
  Nur da die Kunst gefllig sei!

  MEPHISTOPHELES:
  Du wirst, mein Freund, fr deine Sinnen
  In dieser Stunde mehr gewinnen
  Als in des Jahres Einerlei.
  Was dir die zarten Geister singen,
  Die schnen Bilder, die sie bringen,
  Sind nicht ein leeres Zauberspiel.
  Auch dein Geruch wird sich ergetzen,
  Dann wirst du deinen Gaumen letzen,
  Und dann entzckt sich dein Gefhl.
  Bereitung braucht es nicht voran,
  Beisammen sind wir, fanget an!

  GEISTER:
  Schwindet, ihr dunkeln
  Wlbungen droben!
  Reizender schaue
  Freundlich der blaue
  ther herein!
  Wren die dunkeln
  Wolken zerronnen!
  Sternelein funkeln,
  Mildere Sonnen
  Scheinen darein.
  Himmlischer Shne
  Geistige Schne,
  Schwankende Beugung
  Schwebet vorber.
  Sehnende Neigung
  Folget hinber;
  Und der Gewnder
  Flatternde Bnder
  Decken die Lnder,
  Decken die Laube,
  Wo sich frs Leben,
  Tief in Gedanken,
  Liebende geben.
  Laube bei Laube!
  Sprossende Ranken!
  Lastende Traube
  Strzt ins Behlter
  Drngender Kelter,
  Strzen in Bchen
  Schumende Weine,
  Rieseln durch reine,
  Edle Gesteine,
  Lassen die Hhen
  Hinter sich liegen,
  Breiten zu Seen
  Sich ums Genge
  Grnender Hgel.
  Und das Geflgel
  Schlrfet sich Wonne,
  Flieget der Sonne,
  Flieget den hellen
  Inseln entgegen,
  Die sich auf Wellen
  Gauklend bewegen;
  Wo wir in Chren
  Jauchzende hren,
  ber den Auen
  Tanzende schauen,
  Die sich im Freien
  Alle zerstreuen.
  Einige klimmen
  ber die Hhen,
  Andere schwimmen
  ber die Seen,
  Andere schweben;
  Alle zum Leben,
  Alle zur Ferne
  Liebender Sterne,
  Seliger Huld.

  MEPHISTOPHELES:
  Er schlft!  So recht, ihr luft'gen zarten Jungen!
  Ihr habt ihn treulich eingesungen!
  Fr dies Konzert bin ich in eurer Schuld.
  Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten!
  Umgaukelt ihn mit sen Traumgestalten,
  Versenkt ihn in ein Meer des Wahns;
  Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,
  Bedarf ich eines Rattenzahns.
  Nicht lange brauch ich zu beschwren,
  Schon raschelt eine hier und wird sogleich mich hren.

  Der Herr der Ratten und der Muse,
  Der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse
  Befiehlt dir, dich hervor zu wagen
  Und diese Schwelle zu benagen,
  So wie er sie mit l betupft-
  Da kommst du schon hervorgehupft!
  Nur frisch ans Werk!  Die Spitze, die mich bannte,
  Sie sitzt ganz vornen an der Kante.
  Noch einen Bi, so ist's geschehn.-
  Nun, Fauste, trume fort, bis wir uns wiedersehn.

  FAUST (erwachend):
  Bin ich denn abermals betrogen?
  Verschwindet so der geisterreiche Drang
  Da mir ein Traum den Teufel vorgelogen,
  Und da ein Pudel mir entsprang?



  Studierzimmer

  Faust.  Mephistopheles.


  FAUST:
  Es klopft?  Herein!  Wer will mich wieder plagen?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich bin's.

  FAUST:
  Herein!

  MEPHISTOPHELES:
  Du mut es dreimal sagen.

  FAUST:
  Herein denn!

  MEPHISTOPHELES:
  So gefllst du mir.  Wir werden, hoff ich, uns vertragen;
  Denn dir die Grillen zu verjagen,
  Bin ich als edler Junker hier,
  In rotem, goldverbrmtem Kleide,
  Das Mntelchen von starrer Seide,
  Die Hahnenfeder auf dem Hut,
  Mit einem langen, spitzen Degen,
  Und rate nun dir, kurz und gut,
  Dergleichen gleichfalls anzulegen;
  Damit du, losgebunden, frei,
  Erfahrest, was das Leben sei.

  FAUST:
  In jedem Kleide werd ich wohl die Pein
  Des engen Erdelebens fhlen.
  Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
  Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.
  Was kann die Welt mir wohl gewhren?
  Entbehren sollst du!  sollst entbehren!
  Das ist der ewige Gesang,
  Der jedem an die Ohren klingt,
  Den, unser ganzes Leben lang,
  Uns heiser jede Stunde singt.
  Nur mit Entsetzen wach ich morgens auf,
  Ich mchte bittre Trnen weinen,
  Den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf
  Nicht einen Wunsch erfllen wird, nicht einen,
  Der selbst die Ahnung jeder Lust
  Mit eigensinnigem Krittel mindert,
  Die Schpfung meiner regen Brust
  Mit tausend Lebensfratzen hindert.
  Auch mu ich, wenn die Nacht sich niedersenkt,
  Mich ngstlich auf das Lager strecken;
  Auch da wird keine Rast geschenkt,
  Mich werden wilde Trume schrecken.
  Der Gott, der mir im Busen wohnt,
  Kann tief mein Innerstes erregen;
  Der ber allen meinen Krften thront,
  Er kann nach auen nichts bewegen;
  Und so ist mir das Dasein eine Last,
  Der Tod erwnscht, das Leben mir verhat.

  MEPHISTOPHELES:
  Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast.

  FAUST:
  O selig der, dem er im Siegesglanze
  Die blut'gen Lorbeern um die Schlfe windet,
  Den er, nach rasch durchrastem Tanze,
  In eines Mdchens Armen findet!
  O wr ich vor des hohen Geistes Kraft
  Entzckt, entseelt dahin gesunken!

  MEPHISTOPHELES:
  Und doch hat jemand einen braunen Saft,
  In jener Nacht, nicht ausgetrunken.

  FAUST:
  Das Spionieren, scheint's, ist deine Lust.

  MEPHISTOPHELES:
  Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewut.

  FAUST:
  Wenn aus dem schrecklichen Gewhle
  Ein s bekannter Ton mich zog,
  Den Rest von kindlichem Gefhle
  Mit Anklang froher Zeit betrog,
  So fluch ich allem, was die Seele
  Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
  Und sie in diese Trauerhhle
  Mit Blend- und Schmeichelkrften bannt!
  Verflucht voraus die hohe Meinung
  Womit der Geist sich selbst umfngt!
  Verflucht das Blenden der Erscheinung,
  Die sich an unsre Sinne drngt!
  Verflucht, was uns in Trumen heuchelt
  Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
  Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
  Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
  Verflucht sei Mammon, wenn mit Schtzen
  Er uns zu khnen Taten regt,
  Wenn er zu migem Ergetzen
  Die Polster uns zurechte legt!
  Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
  Fluch jener hchsten Liebeshuld!
  Fluch sei der Hoffnung!  Fluch dem Glauben,
  Und Fluch vor allen der Geduld!

  GEISTERCHOR (unsichtbar):
  Weh!  weh!
  Du hast sie zerstrt
  Die schne Welt,
  Mit mchtiger Faust;
  Sie strzt, sie zerfllt!
  Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
  Wir tragen
  Die Trmmern ins Nichts hinber,
  Und klagen
  ber die verlorne Schne.
  Mchtiger
  Der Erdenshne,
  Prchtiger
  Baue sie wieder,
  In deinem Busen baue sie auf!
  Neuen Lebenslauf
  Beginne,
  Mit hellem Sinne,
  Und neue Lieder
  Tnen darauf!

  MEPHISTOPHELES:
  Dies sind die Kleinen
  Von den Meinen.
  Hre, wie zu Lust und Taten
  Altklug sie raten!
  In die Welt weit,
  Aus der Einsamkeit
  Wo Sinnen und Sfte stocken,
  Wollen sie dich locken.  Hr auf, mit deinem Gram zu spielen,
  Der, wie ein Geier, dir am Leben frit;
  Die schlechteste Gesellschaft lt dich fhlen,
  Da du ein Mensch mit Menschen bist.
  Doch so ist's nicht gemeint
  Dich unter das Pack zu stoen.
  Ich bin keiner von den Groen;
  Doch willst du, mit mir vereint,
  Deine Schritte durchs Leben nehmen,
  So will ich mich gern bequemen,
  Dein zu sein, auf der Stelle.
  Ich bin dein Geselle,
  Und mach ich dir's recht,
  Bin ich dein Diener, bin dein Knecht!

  FAUST:
  Und was soll ich dagegen dir erfllen?

  MEPHISTOPHELES:
  Dazu hast du noch eine lange Frist.

  FAUST:
  Nein, nein!  der Teufel ist ein Egoist
  Und tut nicht leicht um Gottes willen,
  Was einem andern ntzlich ist.
  Sprich die Bedingung deutlich aus;
  Ein solcher Diener bringt Gefahr ins Haus.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,
  Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
  Wenn wir uns drben wiederfinden,
  So sollst du mir das gleiche tun.

  FAUST:
  Das Drben kann mich wenig kmmern;
  Schlgst du erst diese Welt zu Trmmern,
  Die andre mag darnach entstehn.
  Aus dieser Erde quillen meine Freuden,
  Und diese Sonne scheinet meinen Leiden;
  Kann ich mich erst von ihnen scheiden,
  Dann mag, was will und kann, geschehn.
  Davon will ich nichts weiter hren,
  Ob man auch knftig hat und liebt,
  Und ob es auch in jenen Sphren
  Ein Oben oder Unten gibt.

  MEPHISTOPHELES:
  In diesem Sinne kannst du's wagen.
  Verbinde dich; du sollst, in diesen Tagen,
  Mit Freuden meine Knste sehn,
  Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn.

  FAUST:
  Was willst du armer Teufel geben?
  Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen Streben,
  Von deinesgleichen je gefat?
  Doch hast du Speise, die nicht sttigt, hast
  Du rotes Gold, das ohne Rast,
  Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt,
  Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt,
  Ein Mdchen, das an meiner Brust
  Mit ugeln schon dem Nachbar sich verbindet,
  Der Ehre schne Gtterlust,
  Die, wie ein Meteor, verschwindet?
  Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht,
  Und Bume, die sich tglich neu begrnen!

  MEPHISTOPHELES:
  Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
  Mit solchen Schtzen kann ich dienen.
  Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
  Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mgen.

  FAUST:
  Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
  So sei es gleich um mich getan!
  Kannst du mich schmeichelnd je belgen,
  Da ich mir selbst gefallen mag,
  Kannst du mich mit Genu betrgen-
  Das sei fr mich der letzte Tag!
  Die Wette biet ich!

  MEPHISTOPHELES:
  Topp!

  FAUST:
  Und Schlag auf Schlag!  Werd ich zum Augenblicke sagen:
  Verweile doch!  du bist so schn!
  Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
  Dann will ich gern zugrunde gehn!
  Dann mag die Totenglocke schallen,
  Dann bist du deines Dienstes frei,
  Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
  Es sei die Zeit fr mich vorbei!

  MEPHISTOPHELES:
  Bedenk es wohl, wir werden's nicht vergessen.

  FAUST:
  Dazu hast du ein volles Recht;
  Ich habe mich nicht freventlich vermessen.
  Wie ich beharre, bin ich Knecht,
  Ob dein, was frag ich, oder wessen.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich werde heute gleich, beim Doktorschmaus,
  Als Diener meine Pflicht erfllen.
  Nur eins!- Um Lebens oder Sterbens willen
  Bitt ich mir ein paar Zeilen aus.

  FAUST:
  Auch was Geschriebnes forderst du Pedant?
  Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt?
  Ist's nicht genug, da mein gesprochnes Wort
  Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
  Rast nicht die Welt in allen Strmen fort,
  Und mich soll ein Versprechen halten?
  Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
  Wer mag sich gern davon befreien?
  Beglckt, wer Treue rein im Busen trgt,
  Kein Opfer wird ihn je gereuen!
  Allein ein Pergament, beschrieben und beprgt,
  Ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen.
  Das Wort erstirbt schon in der Feder,
  Die Herrschaft fhren Wachs und Leder.
  Was willst du bser Geist von mir?
  Erz, Marmor, Pergament, Papier?
  Soll ich mit Griffel, Meiel, Feder schreiben?
  Ich gebe jede Wahl dir frei.

  MEPHISTOPHELES:
  Wie magst du deine Rednerei
  Nur gleich so hitzig bertreiben?
  Ist doch ein jedes Blttchen gut.
  Du unterzeichnest dich mit einem Trpfchen Blut.

  FAUST:
  Wenn dies dir vllig Gnge tut,
  So mag es bei der Fratze bleiben.

  MEPHISTOPHELES:
  Blut ist ein ganz besondrer Saft.

  FAUST:
  Nur keine Furcht, da ich dies Bndnis breche!
  Das Streben meiner ganzen Kraft
  Ist grade das, was ich verspreche.
  Ich habe mich zu hoch geblht,
  In deinen Rang gehr ich nur.
  Der groe Geist hat mich verschmht,
  Vor mir verschliet sich die Natur
  Des Denkens Faden ist zerrissen
  Mir ekelt lange vor allem Wissen.
  La in den Tiefen der Sinnlichkeit
  Uns glhende Leidenschaften stillen!
  In undurchdrungnen Zauberhllen
  Sei jedes Wunder gleich bereit!
  Strzen wir uns in das Rauschen der Zeit,
  Ins Rollen der Begebenheit!
  Da mag denn Schmerz und Genu,
  Gelingen und Verdru
  Miteinander wechseln, wie es kann;
  Nur rastlos bettigt sich der Mann.

  MEPHISTOPHELES:
  Euch ist kein Ma und Ziel gesetzt.
  Beliebt's Euch, berall zu naschen,
  Im Fliehen etwas zu erhaschen,
  Bekomm Euch wohl, was Euch ergetzt.
  Nur greift mir zu und seid nicht blde!

  FAUST:
  Du hrest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
  Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genu,
  Verliebtem Ha, erquickendem Verdru.
  Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
  Soll keinen Schmerzen knftig sich verschlieen,
  Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
  Will ich in meinem innern Selbst genieen,
  Mit meinem Geist das Hchst' und Tiefste greifen,
  Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen hufen,
  Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
  Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.

  MEPHISTOPHELES:
  O glaube mir, der manche tausend Jahre
  An dieser harten Speise kaut
  Da von der Wiege bis zur Bahre
  Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
  Glaub unsereinem, dieses Ganze
  Ist nur fr einen Gott gemacht!
  Er findet sich in einem ew'gen Glanze
  Uns hat er in die Finsternis gebracht,
  Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

  FAUST:
  Allein ich will!

  MEPHISTOPHELES:
  Das lt sich hren!  Doch nur vor einem ist mir bang:
  Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.
  Ich dcht, ihr lieet Euch belehren.
  Assoziiert Euch mit einem Poeten,
  Lat den Herrn in Gedanken schweifen,
  Und alle edlen Qualitten
  Auf Euren Ehrenscheitel hufen,
  Des Lwen Mut,
  Des Hirsches Schnelligkeit,
  Des Italieners feurig Blut,
  Des Nordens Dau'rbarkeit.
  Lat ihn Euch das Geheimnis finden,
  Gromut und Arglist zu verbinden,
  Und Euch, mit warmen Jugendtrieben,
  Nach einem Plane zu verlieben.
  Mchte selbst solch einen Herren kennen,
  Wrd ihn Herrn Mikrokosmus nennen.

  FAUST:
  Was bin ich denn, wenn es nicht mglich ist,
  Der Menschheit Krone zu erringen,
  Nach der sich alle Sinne dringen?

  MEPHISTOPHELES:
  Du bist am Ende- was du bist.
  Setz dir Percken auf von Millionen Locken,
  Setz deinen Fu auf ellenhohe Socken,
  Du bleibst doch immer, was du bist.

  FAUST:
  Ich fhl's, vergebens hab ich alle Schtze
  Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
  Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
  Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
  Ich bin nicht um ein Haar breit hher,
  Bin dem Unendlichen nicht nher.

  MEPHISTOPHELES:
  Mein guter Herr, Ihr seht die Sachen,
  Wie man die Sachen eben sieht;
  Wir mssen das gescheiter machen,
  Eh uns des Lebens Freude flieht.
  Was Henker!  freilich Hnd und Fe
  Und Kopf und Hintern, die sind dein;
  Doch alles, was ich frisch geniee,
  Ist das drum weniger mein?
  Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
  Sind ihre Krfte nicht die meine?
  Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
  Als htt ich vierundzwanzig Beine.
  Drum frisch!  La alles Sinnen sein,
  Und grad mit in die Welt hinein!
  Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert,
  Ist wie ein Tier, auf drrer Heide
  Von einem bsen Geist im Kreis herum gefhrt,
  Und rings umher liegt schne grne Weide.

  FAUST:
  Wie fangen wir das an?

  MEPHISTOPHELES:
  Wir gehen eben fort.  Was ist das fr ein Marterort?
  Was heit das fr ein Leben fhren,
  Sich und die Jungens ennuyieren?
  La du das dem Herrn Nachbar Wanst!
  Was willst du dich das Stroh zu dreschen plagen?
  Das Beste, was du wissen kannst,
  Darfst du den Buben doch nicht sagen.
  Gleich hr ich einen auf dem Gange!

  FAUST:
  Mir ist's nicht mglich, ihn zu sehn.

  MEPHISTOPHELES:
  Der arme Knabe wartet lange,
  Der darf nicht ungetrstet gehn.
  Komm, gib mir deinen Rock und Mtze;
  Die Maske mu mir kstlich stehn.  (Er kleidet sich um.)
  Nun berla es meinem Witze!
  Ich brauche nur ein Viertelstndchen Zeit;
  Indessen mache dich zur schnen Fahrt bereit!
  (Faust ab.)

  MEPHISTOPHELES (in Fausts langem Kleide):
  Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
  Des Menschen allerhchste Kraft,
  La nur in Blend- und Zauberwerken
  Dich von dem Lgengeist bestrken,
  So hab ich dich schon unbedingt-
  Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
  Der ungebndigt immer vorwrts dringt,
  Und dessen bereiltes Streben
  Der Erde Freuden berspringt.
  Den schlepp ich durch das wilde Leben,
  Durch flache Unbedeutenheit,
  Er soll mir zappeln, starren, kleben,
  Und seiner Unersttlichkeit
  Soll Speis und Trank vor gier'gen Lippen schweben;
  Er wird Erquickung sich umsonst erflehn,
  Und htt er sich auch nicht dem Teufel bergeben,
  Er mte doch zugrunde gehn!
  (Ein SCHLER tritt auf.)

  SCHLER:
  Ich bin allhier erst kurze Zeit,
  Und komme voll Ergebenheit,
  Einen Mann zu sprechen und zu kennen,
  Den alle mir mit Ehrfucht nennen.

  MEPHISTOPHELES:
  Eure Hflichkeit erfreut mich sehr!
  Ihr seht einen Mann wie andre mehr.
  Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?

  SCHLER:
  Ich bitt Euch, nehmt Euch meiner an!
  Ich komme mit allem guten Mut,
  Leidlichem Geld und frischem Blut;
  Meine Mutter wollte mich kaum entfernen;
  Mchte gern was Rechts hierauen lernen.

  MEPHISTOPHELES:
  Da seid Ihr eben recht am Ort.

  SCHLER:
  Aufrichtig, mchte schon wieder fort:
  In diesen Mauern, diesen Hallen
  Will es mir keineswegs gefallen.
  Es ist ein gar beschrnkter Raum,
  Man sieht nichts Grnes, keinen Baum,
  Und in den Slen, auf den Bnken,
  Vergeht mir Hren, Sehn und Denken.

  MEPHISTOPHELES:
  Das kommt nur auf Gewohnheit an.
  So nimmt ein Kind der Mutter Brust
  Nicht gleich im Anfang willig an,
  Doch bald ernhrt es sich mit Lust.
  So wird's Euch an der Weisheit Brsten
  Mit jedem Tage mehr gelsten.

  SCHLER:
  An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
  Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

  MEPHISTOPHELES:
  Erklrt Euch, eh Ihr weiter geht,
  Was whlt Ihr fr eine Fakultt?

  SCHLER:
  Ich wnschte recht gelehrt zu werden,
  Und mchte gern, was auf der Erden
  Und in dem Himmel ist, erfassen,
  Die Wissenschaft und die Natur.

  MEPHISTOPHELES:
  Da seid Ihr auf der rechten Spur;
  Doch mt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen.

  SCHLER:
  Ich bin dabei mit Seel und Leib;
  Doch freilich wrde mir behagen
  Ein wenig Freiheit und Zeitvertreib
  An schnen Sommerfeiertagen.

  MEPHISTOPHELES:
  Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen,
  Doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen.
  Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
  Zuerst Collegium Logicum.
  Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
  In spanische Stiefeln eingeschnrt,
  Da er bedchtiger so fortan
  Hinschleiche die Gedankenbahn,
  Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
  Irrlichteliere hin und her.
  Dann lehret man Euch manchen Tag,
  Da, was Ihr sonst auf einen Schlag
  Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
  Eins!  Zwei!  Drei!  dazu ntig sei.
  Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
  Wie mit einem Weber-Meisterstck,
  Wo ein Tritt tausend Fden regt,
  Die Schifflein herber hinber schieen,
  Die Fden ungesehen flieen,
  Ein Schlag tausend Verbindungen schlgt.
  Der Philosoph, der tritt herein
  Und beweist Euch, es mt so sein:
  Das Erst wr so, das Zweite so,
  Und drum das Dritt und Vierte so;
  Und wenn das Erst und Zweit nicht wr,
  Das Dritt und Viert wr nimmermehr.
  Das preisen die Schler allerorten,
  Sind aber keine Weber geworden.
  Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
  Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
  Dann hat er die Teile in seiner Hand,
  Fehlt, leider!  nur das geistige Band.
  Encheiresin naturae nennt's die Chemie,
  Spottet ihrer selbst und wei nicht wie.

  SCHLER:
  Kann Euch nicht eben ganz verstehen.

  MEPHISTOPHELES:
  Das wird nchstens schon besser gehen,
  Wenn Ihr lernt alles reduzieren
  Und gehrig klassifizieren.

  SCHLER:
  Mir wird von alledem so dumm,
  Als ging, mir ein Mhlrad im Kopf herum.

  MEPHISTOPHELES:
  Nachher, vor allen andern Sachen,
  Mt Ihr Euch an die Metaphysik machen!
  Da seht, da Ihr tiefsinnig fat,
  Was in des Menschen Hirn nicht pat;
  Fr was drein geht und nicht drein geht,
  Ein prchtig Wort zu Diensten steht.
  Doch vorerst dieses halbe Jahr
  Nehmt ja der besten Ordnung wahr.
  Fnf Stunden habt Ihr jeden Tag;
  Seid drinnen mit dem Glockenschlag!
  Habt Euch vorher wohl prpariert,
  Paragraphos wohl einstudiert,
  Damit Ihr nachher besser seht,
  Da er nichts sagt, als was im Buche steht;
  Doch Euch des Schreibens ja befleit,
  Als diktiert, Euch der Heilig Geist!

  SCHLER:
  Das sollt Ihr mir nicht zweimal sagen!
  Ich denke mir, wie viel es ntzt
  Denn, was man schwarz auf wei besitzt,
  Kann man getrost nach Hause tragen.

  MEPHISTOPHELES:
  Doch whlt mir eine Fakultt!

  SCHLER:
  Zur Rechtsgelehrsamkeit kann ich mich nicht bequemen.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich kann es Euch so sehr nicht bel nehmen,
  Ich wei, wie es um diese Lehre steht.
  Es erben sich Gesetz' und Rechte
  Wie eine ew'ge Krankheit fort;
  Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte,
  Und rcken sacht von Ort zu Ort.
  Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
  Weh dir, da du ein Enkel bist!
  Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
  Von dem ist, leider!  nie die Frage.

  SCHLER:
  Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
  O glcklich der, den Ihr belehrt!
  Fast mcht ich nun Theologie studieren.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich wnschte nicht, Euch irre zu fhren.
  Was diese Wissenschaft betrifft,
  Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
  Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
  Und von der Arzenei ist's kaum zu unterscheiden.
  Am besten ist's auch hier, wenn Ihr nur einen hrt,
  Und auf des Meisters Worte schwrt.
  Im ganzen- haltet Euch an Worte!
  Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
  Zum Tempel der Gewiheit ein.

  SCHLER:
  Doch ein Begriff mu bei dem Worte sein.
  MEPHISTOPHELES:
  Schon gut!  Nur mu man sich nicht allzu ngstlich qulen
  Denn eben wo Begriffe fehlen,
  Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
  Mit Worten lt sich trefflich streiten,
  Mit Worten ein System bereiten,
  An Worte lt sich trefflich glauben,
  Von einem Wort lt sich kein Jota rauben.

  SCHLER:
  Verzeiht, ich halt Euch auf mit vielen Fragen,
  Allem ich mu Euch noch bemhn.
  Wollt Ihr mir von der Medizin
  Nicht auch ein krftig Wrtchen sagen?
  Drei Jahr ist eine kurze Zeit,
  Und, Gott!  das Feld ist gar zu weit.
  Wenn man einen Fingerzeig nur hat,
  Lt sich's schon eher weiter fhlen.

  MEPHISTOPHELES (fr sich):
  Ich bin des trocknen Tons nun satt,
  Mu wieder recht den Teufel spielen.
  (Laut.) Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen;
  Ihr durchstudiert die gro, und kleine Welt,
  Um es am Ende gehn zu lassen,
  Wie's Gott gefllt.
  Vergebens, da Ihr ringsum wissenschaftlich schweift,
  Ein jeder lernt nur, was er lernen kann;
  Doch der den Augenblick ergreift,
  Das ist der rechte Mann.
  Ihr seid noch ziemlich wohl gebaut,
  An Khnheit wird's Euch auch nicht fehlen,
  Und wenn Ihr Euch nur selbst vertraut,
  Vertrauen Euch die andern Seelen.
  Besonders lernt die Weiber fhren;
  Es ist ihr ewig Weh und Ach
  So tausendfach
  Aus einem Punkte zu kurieren,
  Und wenn Ihr halbweg ehrbar tut,
  Dann habt Ihr sie all unterm Hut.
  Ein Titel mu sie erst vertraulich machen,
  Da Eure Kunst viel Knste bersteigt;
  Zum Willkomm tappt Ihr dann nach allen Siebensachen,
  Um die ein andrer viele Jahre streicht,
  Versteht das Plslein wohl zu drcken,
  Und fasset sie, mit feurig schlauen Blicken,
  Wohl um die schlanke Hfte frei,
  Zu sehn, wie fest geschnrt sie sei.

  SCHLER:
  Das sieht schon besser aus!  Man sieht doch, wo und wie.

  MEPHISTOPHELES:
  Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,
  Und grn des Lebens goldner Baum.

  SCHLER:
  Ich schwr Euch zu, mir ist's als wie ein Traum.
  Drft ich Euch wohl ein andermal beschweren,
  Von Eurer Weisheit auf den Grund zu hren?

  MEPHISTOPHELES:
  Was ich vermag, soll gern geschehn.

  SCHLER:
  Ich kann unmglich wieder gehn,
  Ich mu Euch noch mein Stammbuch berreichen,
  Gnn Eure Gunst mir dieses Zeichen!

  MEPHISTOPHELES:
  Sehr wohl.
  (Er schreibt und gibt's.)

  SCHLER (liest):
  Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.
  (Macht's ehrerbietig zu und empfiehlt sich.)

  MEPHISTOPHELES:
  Folg nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange,
  Dir wird gewi einmal bei deiner Gotthnlichkeit bange!
  (Faust tritt auf.)

  FAUST:
  Wohin soll es nun gehn?

  MEPHISTOPHELES:
  Wohin es dir gefllt.
  Wir sehn die kleine, dann die groe Welt.
  Mit welcher Freude, welchem Nutzen
  Wirst du den Cursum durchschmarutzen!

  FAUST:
  Allein bei meinem langen Bart
  Fehlt mir die leichte Lebensart.
  Es wird mir der Versuch nicht glcken;
  Ich wute nie mich in die Welt zu schicken.
  Vor andern fhl ich mich so klein;
  Ich werde stets verlegen sein.

  MEPHISTOPHELES:
  Mein guter Freund, das wird sich alles geben;
  Sobald du dir vertraust, sobald weit du zu leben.

  FAUST:
  Wie kommen wir denn aus dem Haus?
  Wo hast du Pferde, Knecht und Wagen?

  MEPHISTOPHELES:
  Wir breiten nur den Mantel aus,
  Der soll uns durch die Lfte tragen.
  Du nimmst bei diesem khnen Schritt
  Nur keinen groen Bndel mit.
  Ein bichen Feuerluft, die ich bereiten werde,
  Hebt uns behend von dieser Erde.
  Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
  Ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf!



  Auerbachs Keller in Leipzig

  Zeche lustiger Gesellen.


  FROSCH:
  Will keiner trinken?  keiner lachen?
  Ich will euch lehren Gesichter machen!
  Ihr seid ja heut wie nasses Stroh,
  Und brennt sonst immer lichterloh.

  BRANDER:
  Das liegt an dir; du bringst ja nichts herbei,
  Nicht eine Dummheit, keine Sauerei.

  FROSCH (giesst ihm ein Glas Wein ber den Kopf):
  Da hast du beides!

  BRANDER:
  Doppelt Schwein!

  FROSCH:
  Ihr wollt es ja, man soll es sein!

  SIEBEL:
  Zur Tr hinaus, er sich entzweit!
  Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreit!
  Auf!  Holla!  Ho!

  ALTMAYER:
  Weh mir, ich bin verloren!  Baumwolle her!  der Kerl sprengt mir die Ohren.

  SIEBEL:
  Wenn das Gewlbe widerschallt,
  Fhlt man erst recht des Basses Grundgewalt.

  FROSCH:
  So recht, hinaus mit dem, der etwas bel nimmt!
  A!  tara lara da!

  ALTMAYER:
  A!  tara lara da!

  FROSCH:
  Die Kehlen sind gestimmt.
  (Singt.)
  Das liebe Heil'ge Rm'sche Reich,
  Wie hlt's nur noch zusammen?

  BRANDER:
  Ein garstig Lied!  Pfui!  ein politisch Lied
  Ein leidig Lied!  Dankt Gott mit jedem Morgen,
  Da ihr nicht braucht frs Rm'sche Reich zu sorgen!
  Ich halt es wenigstens fr reichlichen Gewinn,
  Da ich nicht Kaiser oder Kanzler bin.
  Doch mu auch uns ein Oberhaupt nicht fehlen;
  Wir wollen einen Papst erwhlen.
  Ihr wit, welch eine Qualitt
  Den Ausschlag gibt, den Mann erhht.

  FROSCH (singt):
  Schwing dich auf, Frau Nachtigall,
  Gr mir mein Liebchen zehentausendmal.

  SIEBEL:
  Dem Liebchen keinen Gru!  ich will davon nichts hren!

  FROSCH:
  Dem Liebchen Gru und Ku!  du wirst mir's nicht verwehren!

  (Singt.)
  Riegel auf!  in stiller Nacht.
  Riegel auf!  der Liebste wacht.
  Riegel zu!  des Morgens frh.

  SIEBEL:
  Ja, singe, singe nur und lob und rhme sie!
  Ich will zu meiner Zeit schon lachen.
  Sie hat mich angefhrt, dir wird sie's auch so machen.
  Zum Liebsten sei ein Kobold ihr beschert!
  Der mag mit ihr auf einem Kreuzweg schkern;
  Ein alter Bock, wenn er vom Blocksberg kehrt,
  Mag im Galopp noch gute Nacht ihr meckern!
  Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
  Ist fr die Dirne viel zu gut.
  Ich will von keinem Grue wissen,
  Als ihr die Fenster eingeschmissen

  BRANDER (auf den Tisch schlagend):
  Pat auf!  pat auf!  Gehorchet mir!
  Ihr Herrn, gesteht, ich wei zu leben
  Verliebte Leute sitzen hier,
  Und diesen mu, nach Standsgebhr,
  Zur guten Nacht ich was zum besten geben.
  Gebt acht!  Ein Lied vom neusten Schnitt!
  Und singt den Rundreim krftig mit!
  (Er singt.)
  Es war eine Ratt im Kellernest,
  Lebte nur von Fett und Butter,
  Hatte sich ein Rnzlein angemst't,
  Als wie der Doktor Luther.
  Die Kchin hatt ihr Gift gestellt;
  Da ward's so eng ihr in der Welt,
  Als htte sie Lieb im Leibe.

  CHORUS (jauchzend):
  Als htte sie Lieb im Leibe.

  BRANDER:
  Sie fuhr herum, sie fuhr heraus,
  Und soff aus allen Pftzen,
  Zernagt', zerkratzt, das ganze Haus,
  Wollte nichts ihr Wten ntzen;
  Sie tt gar manchen ngstesprung,
  Bald hatte das arme Tier genung,
  Als htt es Lieb im Leibe.

  CHORUS:
  Als htt es Lieb im Leibe.

  BRANDER:
  Sie kam vor Angst am hellen Tag
  Der Kche zugelaufen,
  Fiel an den Herd und zuckt, und lag,
  Und tt erbrmlich schnaufen.
  Da lachte die Vergifterin noch:
  Ha!  sie pfeift auf dem letzten Loch,
  Als htte sie Lieb im Leibe.

  CHORUS:
  Als htte sie Lieb im Leibe.

  SIEBEL:
  Wie sich die platten Bursche freuen!
  Es ist mir eine rechte Kunst,
  Den armen Ratten Gift zu streuen!

  BRANDER:
  Sie stehn wohl sehr in deiner Gunst?

  ALTMAYER:
  Der Schmerbauch mit der kahlen Platte!
  Das Unglck macht ihn zahm und mild;
  Er sieht in der geschwollnen Ratte
  Sein ganz natrlich Ebenbild
  (Faust und Mephistopheles treten auf.)

  MEPHISTOPHELES:
  Ich mu dich nun vor allen Dingen
  In lustige Gesellschaft bringen,
  Damit du siehst, wie leicht sich's leben lt.
  Dem Volke hier wird jeder Tag ein Fest.
  Mit wenig Witz und viel Behagen
  Dreht jeder sich im engen Zirkeltanz,
  Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
  Wenn sie nicht ber Kopfweh klagen,
  So lang der Wirt nur weiter borgt,
  Sind sie vergngt und unbesorgt.

  BRANDER:
  Die kommen eben von der Reise,
  Man sieht's an ihrer wunderlichen Weise;
  Sie sind nicht eine Stunde hier.

  FROSCH:
  Wahrhaftig, du hast recht!  Mein Leipzig lob ich mir!
  Es ist ein klein Paris, und bildet seine Leute.

  SIEBEL:
  Fr was siehst du die Fremden an?

  FROSCH:
  La mich nur gehn!  Bei einem vollen Glase
  Zieh ich, wie einen Kinderzahn,
  Den Burschen leicht die Wrmer aus der Nase.
  Sie scheinen mir aus einem edlen Haus,
  Sie sehen stolz und unzufrieden aus.

  BRANDER:
  Marktschreier sind's gewi, ich wette!

  ALTMAYER:
  Vielleicht.

  FROSCH:
  Gib acht, ich schraube sie!

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Den Teufel sprt das Vlkchen nie,
  Und wenn er sie beim Kragen htte.

  FAUST:
  Seid uns gegrt, ihr Herrn!

  SIEBEL:
  Viel Dank zum Gegengru.
  (Leise, Mephistopheles von der Seite ansehend.)
  Was hinkt der Kerl auf einem Fu?

  MEPHISTOPHELES:
  Ist es erlaubt, uns auch zu euch zu setzen?
  Statt eines guten Trunks, den man nicht haben kann
  Soll die Gesellschaft uns ergetzen.

  ALTMAYER:
  Ihr scheint ein sehr verwhnter Mann.

  FROSCH:
  Ihr seid wohl spt von Rippach aufgebrochen?
  Habt ihr mit Herren Hans noch erst zu Nacht gespeist?

  MEPHISTOPHELES:
  Heut sind wir ihn vorbeigereist!
  Wir haben ihn das letztemal gesprochen.
  Von seinen Vettern wut er viel zu sagen,
  Viel Gre hat er uns an jeden aufgetragen.
  (Er neigt sich gegen Frosch.)

  ALTMAYER (leise):
  Da hast du's!  der versteht's!

  SIEBEL:
  Ein pfiffiger Patron!

  FROSCH:
  Nun, warte nur, ich krieg ihn schon!

  MEPHISTOPHELES:
  Wenn ich nicht irrte, hrten wir
  Gebte Stimmen Chorus singen?
  Gewi, Gesang mu trefflich hier
  Von dieser Wlbung widerklingen!

  FROSCH:
  Seid Ihr wohrgar ein Virtuos?

  MEPHISTOPHELES:
  O nein!  die Kraft ist schwach, allein die Lust ist gro.

  ALTMAYER:
  Gebt uns ein Lied!

  MEPHISTOPHELES:
  Wenn ihr begehrt, die Menge.

  SIEBEL:
  Nur auch ein nagelneues Stck!

  MEPHISTOPHELES:
  Wir kommen erst aus Spanien zurck,
  Dem schnen Land des Weins und der Gesnge.
  (Singt).
  Es war einmal ein Knig,
  Der hatt einen groen Floh-

  FROSCH:
  Horcht!  Einen Froh!  Habt ihr das wohl gefat?
  Ein Floh ist mir ein saubrer Gast.

  MEPHISTOPHELES (singt):
  Es war einmal ein Knig
  Der hatt einen groen Floh,
  Den liebt, er gar nicht wenig,
  Als wie seinen eignen Sohn.
  Da rief er seinen Schneider,
  Der Schneider kam heran:
  Da, mi dem Junker Kleider
  Und mi ihm Hosen an!

  BRANDER:
  Verget nur nicht, dem Schneider einzuschrfen,
  Da er mir aufs genauste mit,
  Und da, so lieb sein Kopf ihm ist,
  Die Hosen keine Falten werfen!

  MEPHISTOPHELES:
  In Sammet und in Seide
  War er nun angetan
  Hatte Bnder auf dem Kleide,
  Hatt auch ein Kreuz daran
  Und war sogleich Minister,
  Und hatt einen groen Stern.
  Da wurden seine Geschwister
  Bei Hof auch groe Herrn.

  Und Herrn und Fraun am Hofe,
  Die waren sehr geplagt,
  Die Knigin und die Zofe
  Gestochen und genagt,
  Und durften sie nicht knicken,
  Und weg sie jucken nicht.
  Wir knicken und ersticken
  Doch gleich, wenn einer sticht.

  CHORUS (jauchzend):
  Wir knicken und ersticken
  Doch gleich, wenn einer sticht.

  FROSCH:
  Bravo!  Bravo!  Das war schn!

  SIEBEL:
  So soll es jedem Floh ergehn!

  BRANDER:
  Spitzt die Finger und packt sie fein!

  ALTMAYER:
  Es lebe die Freiheit!  Es lebe der Wein!

  MEPHISTOPHELES:
  Ich trnke gern ein Glas, die Freiheit hoch zu ehren,
  Wenn eure Weine nur ein bichen besser wren.

  SIEBEL:
  Wir mgen das nicht wieder hren!

  MEPHISTOPHELES:
  Ich frchte nur, der Wirt beschweret sich;
  Sonst gb ich diesen werten Gsten
  Aus unserm Keller was zum besten.

  SIEBEL:
  Nur immer her!  ich nehm's auf mich.

  FROSCH:
  Schafft Ihr ein gutes Glas, so wollen wir Euch loben.
  Nur gebt nicht gar zu kleine Proben
  Denn wenn ich judizieren soll,
  Verlang ich auch das Maul recht voll.

  ALTMAYER (leise):
  Sie sind vom Rheine, wie ich spre.

  MEPHISTOPHELES:
  Schafft einen Bohrer an!

  BRANDER:
  Was soll mit dem geschehn?  Ihr habt doch nicht die Fsser vor der Tre?

  ALTMAYER:
  Dahinten hat der Wirt ein Krbchen Werkzeug stehn.

  MEPHISTOPHELES (nimmt den Bohrer.  Zu Frosch):
  Nun sagt, was wnschet Ihr zu schmecken?

  FROSCH:
  Wie meint Ihr das?  Habt Ihr so mancherlei?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich stell es einem jeden frei.

  ALTMAYER (zu Frosch):
  Aha!  du fngst schon an, die Lippen abzulecken.

  FROSCH:
  Gut!  wenn ich whlen soll, so will ich Rheinwein haben.
  Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

  MEPHISTOPHELES (indem er an dem Platz, wo Frosch sitzt, ein Loch in den
  Tischrand bohrt):
  Verschafft ein wenig Wachs, die Pfropfen gleich zu machen!

  ALTMAYER:
  Ach, das sind Taschenspielersachen.

  MEPHISTOPHELES (zu Brander):
  Und Ihr?

  BRANDER:
  Ich will Champagner Wein Und recht moussierend soll er sein!
  (Mephistopheles bohrt; einer hat indessen die Wachspfropfen gemacht
  und verstopft.)
  Man kann nicht stets das Fremde meiden
  Das Gute liegt uns oft so fern.
  Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,
  Doch ihre Weine trinkt er gern.

  SIEBEL (indem sich Mephistopheles seinem Platze nhert):
  Ich mu gestehn, den sauern mag ich nicht,
  Gebt mir ein Glas vom echten sen!

  MEPHISTOPHELES (bohrt):
  Euch soll sogleich Tokayer flieen.

  ALTMAYER:
  Nein, Herren, seht mir ins Gesicht!
  Ich seh es ein, ihr habt uns nur zum besten.

  MEPHISTOPHELES:
  Ei!  Ei!  Mit solchen edlen Gsten
  Wr es ein bichen viel gewagt.
  Geschwind!  Nur grad heraus gesagt!
  Mit welchem Weine kann ich dienen?

  ALTMAYER:
  Mit jedem!  Nur nicht lang gefragt.
  (Nachdem die Lcher alle gebohrt und verstopft sind.)

  MEPHISTOPHELES (mit seltsamen Gebrden):
  Trauben trgt der Weinstock!
  Hrner der Ziegenbock;
  Der Wein ist saftig, Holz die Reben,
  Der hlzerne Tisch kann Wein auch geben.
  Ein tiefer Blick in die Natur!
  Hier ist ein Wunder, glaubet nur!  Nun zieht die Pfropfen und geniet!

  ALLE (indem sie die Pfropfen ziehen und jedem der verlangte Wein ins Glas
  luft):
  O schner Brunnen, der uns fliet!

  MEPHISTOPHELES:
  Nur htet euch, da ihr mir nichts vergiet!
  (Sie trinken wiederholt.)

  ALLE (singen):
  Uns ist ganz kannibalisch wohl,
  Als wie fnfhundert Suen!

  MEPHISTOPHELES:
  Das Volk ist frei, seht an, wie wohl's ihm geht!

  FAUST:
  Ich htte Lust, nun abzufahren.

  MEPHISTOPHELES:
  Gib nur erst acht, die Bestialitt
  Wird sich gar herrlich offenbaren.

  SIEBEL (trinkt unvorsichtig, der Wein fliet auf die Erde und wird zur
  Flamme):
  Helft!  Feuer!  helft!  Die Hlle brennt!

  MEPHISTOPHELES (die Flamme besprechend):
  Sei ruhig, freundlich Element!
  (Zu den Gesellen.)
  Fr diesmal war es nur ein Tropfen Fegefeuer.

  SIEBEL:
  Was soll das sein?  Wart!  Ihr bezahlt es teuer!
  Es scheinet, da Ihr uns nicht kennt.

  FROSCH:
  La Er uns das zum zweiten Male bleiben!

  ALTMAYER:
  Ich dcht, wir hieen ihn ganz sachte seitwrts gehn.

  SIEBEL:
  Was, Herr?  Er will sich unterstehn,
  Und hier sein Hokuspokus treiben?

  MEPHISTOPHELES:
  Still, altes Weinfa!

  SIEBEL:
  Besenstiel!  Du willst uns gar noch grob begegnen?

  BRANDER:
  Wart nur, es sollen Schlge regnen!

  ALTMAYER (zieht einen Pfropf aus dem Tisch, es springt ihm Feuer entgegen):

  Ich brenne!  ich brenne!

  SIEBEL:

  Zauberei!
  Stot zu!  der Kerl ist vogelfrei!
  (Sie ziehen die Messer und gehn auf Mephistopheles los.)

  MEPHISTOPHELES (mit ernsthafter Gebrde):
  Falsch Gebild und Wort
  Verndern Sinn und Ort!
  Seid hier und dort!
  (Sie stehn erstaunt und sehn einander an.)

  ALTMAYER:
  Wo bin ich?  Welches schne Land!

  FROSCH:
  Weinberge!  Seh ich recht?

  SIEBEL:
  Und Trauben gleich zur Hand!

  BRANDER:
  Hier unter diesem grnen Laube,
  Seht, welch ein Stock!  Seht, welche Traube!
  (Er fat Siebeln bei der Nase.  Die andern tun es wechselseitig und heben
  die Messer.)

  MEPHISTOPHELES (wie oben):
  Irrtum, la los der Augen Band!
  Und merkt euch, wie der Teufel spae.
  (Er verschwindet mit Faust, die Gesellen fahren auseinander.

  SIEBEL:
  Was gibt s?

  ALTMAYER:
  Wie?

  FROSCH:
  War das deine Nase?

  BRANDER (zu Siebel):
  Und deine hab ich in der Hand!

  ALTMAYER:
  Es war ein Schlag, der ging durch alle Glieder!
  Schafft einen Stuhl, ich sinke nieder!

  FROSCH:
  Nein, sagt mir nur, was ist geschehn?

  FROSCH:
  Wo ist der Kerl?  Wenn ich ihn spre,
  Er soll mir nicht lebendig gehn!

  ALTMAYER:
  Ich hab ihn selbst hinaus zur Kellertre-
  Auf einem Fasse reiten sehn--
  Es liegt mir bleischwer in den Fen.
  (Sich nach dem Tische wendend.)
  Mein!  Sollte wohl der Wein noch flieen?

  SIEBEL:
  Betrug war alles, Lug und Schein.

  FROSCH:
  Mir deuchte doch, als trnk ich Wein.

  BRANDER:
  Aber wie war es mit den Trauben?

  ALTMAYER:
  Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!



  Hexenkche.


  Auf einem niedrigen Herd steht ein groer Kessel ber dem Feuer.  In dem
  Dampfe, der davon in die Hhe steigt, zeigen sich verschiedene Gestalten.
  Eine Meerkatze sitzt bei dem Kessel und schumt ihn und sorgt, da er nicht
  berluft.  Der Meerkater mit den Jungen sitzt darneben und wrmt sich.
  Wnde und Decke sind mit dem seltsamsten Hexenhausrat geschmckt.

  Faust.  Mephistopheles.

  FAUST:
  Mir widersteht das tolle Zauberwesen!
  Versprichst du mir, ich soll genesen
  In diesem Wust von Raserei?
  Verlang ich Rat von einem alten Weibe?
  Und schafft die Sudelkcherei
  Wohl dreiig Jahre mir vom Leibe?
  Weh mir, wenn du nichts Bessers weit!
  Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.
  Hat die Natur und hat ein edler Geist
  Nicht irgendeinen Balsam ausgefunden?

  MEPHISTOPHELES:
  Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!
  Dich zu verjngen, gibt's auch ein natrlich Mittel;
  Allein es steht in einem andern Buch,
  Und ist ein wunderlich Kapitel.

  FAUST:
  Ich will es wissen.

  MEPHISTOPHELES:
  Gut!  Ein Mittel, ohne Geld Und Arzt und Zauberei zu haben:
  Begib dich gleich hinaus aufs Feld,
  Fang an zu hacken und zu graben
  Erhalte dich und deinen Sinn
  In einem ganz beschrnkten Kreise,
  Ernhre dich mit ungemischter Speise,
  Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht fr Raub,
  Den Acker, den du erntest, selbst zu dngen;
  Das ist das beste Mittel, glaub,
  Auf achtzig Jahr dich zu verjngen!

  FAUST:
  Das bin ich nicht gewhnt, ich kann mich nicht bequemen,
  Den Spaten in die Hand zu nehmen.
  Das enge Leben steht mir gar nicht an.

  MEPHISTOPHELES:
  So mu denn doch die Hexe dran.

  FAUST:
  Warum denn just das alte Weib!
  Kannst du den Trank nicht selber brauen?

  MEPHISTOPHELES:
  Das wr ein schner Zeitvertreib!
  Ich wollt indes wohl tausend Brcken bauen.
  Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
  Geduld will bei dem Werke sein.
  Ein stiller Geist ist jahrelang geschftig,
  Die Zeit nur macht die feine Grung krftig.
  Und alles, was dazu gehrt,
  Es sind gar wunderbare Sachen!
  Der Teufel hat sie's zwar gelehrt;
  Allein der Teufel kann's nicht machen.
  (Die Tiere erblickend.)
  Sieh, welch ein zierliches Geschlecht!
  Das ist die Magd!  das ist der Knecht!
  (Zu den Tieren.)
  Es scheint, die Frau ist nicht zu Hause?

  DIE TIERE:
  Beim Schmause,
  Aus dem Haus
  Zum Schornstein hinaus!

  MEPHISTOPHELES:
  Wie lange pflegt sie wohl zu schwrmen?

  DIE TIERE:
  So lange wir uns die Pfoten wrmen.

  MEPHISTOPHELES. (zu Faust):
  Wie findest du die zarten Tiere?

  FAUST:
  So abgeschmackt, als ich nur jemand sah!

  MEPHISTOPHELES:
  Nein, ein Discours wie dieser da
  Ist grade der, den ich am liebsten fhre!
  (zu den Tieren.)
  So sagt mir doch, verfluchte Puppen,
  Was quirlt ihr in dem Brei herum?

  DIE TIERE:
  Wir kochen breite Bettelsuppen.

  MEPHISTOPHELES:
  Da habt ihr ein gro Publikum.

  DER KATER (macht sich herbei und schmeichelt dem Mephistopheles):
  O wrfle nur gleich,
  Und mache mich reich,
  Und la mich gewinnen!
  Gar schlecht ist's bestellt,
  Und wr ich bei Geld,
  So wr ich bei Sinnen.

  MEPHISTOPHELES:
  Wie glcklich wrde sich der Affe schtzen,
  Knnt er nur auch ins Lotto setzen!
  (Indessen haben die jungen Meerktzchen mit einer groen Kugel gespielt und
  rollen sie hervor.)

  DER KATER:
  Das ist die Welt;
  Sie steigt und fllt
  Und rollt bestndig;
  Sie klingt wie Glas-
  Wie bald bricht das!
  Ist hohl inwendig.
  Hier glnzt sie sehr,
  Und hier noch mehr:
  "Ich bin lebendig!"
  Mein lieber Sohn,
  Halt dich davon!
  Du mut sterben!
  Sie ist von Ton,
  Es gibt Scherben.

  MEPHISTOPHELES:
  Was soll das Sieb?

  DER KATER (holt es herunter):
  Wrst du ein Dieb,
  Wollt ich dich gleich erkennen.
  (Er lauft zur Ktzin und lt sie durchsehen.)
  Sieh durch das Sieb!
  Erkennst du den Dieb,
  Und darfst ihn nicht nennen?

  MEPHISTOPHELES (sich dem Feuer nhernd):
  Und dieser Topf?

  KATER UND KTZIN:
  Der alberne Tropf!
  Er kennt nicht den Topf,
  Er kennt nicht den Kessel!

  MEPHISTOPHELES:
  Unhfliches Tier!

  DER KATER:
  Den Wedel nimm hier,
  Und setz dich in Sessel!
  (Er ntigt den Mephistopheles zu sitzen.)

  FAUST (welcher diese Zeit ber vor einem Spiegel gestanden, sich ihm bald
  genhert, bald sich von ihm entfernt hat):
  Was seh ich?  Welch ein himmlisch Bild
  Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
  O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flgel,
  Und fhre mich in ihr Gefild!
  Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
  Wenn ich es wage, nah zu gehn,
  Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn!-
  Das schnste Bild von einem Weibe!
  Ist's mglich, ist das Weib so schn?
  Mu ich an diesem hingestreckten Leibe
  Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
  So etwas findet sich auf Erden?

  MEPHISTOPHELES:
  Natrlich, wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt,
  Und selbst am Ende Bravo sagt,
  Da mu es was Gescheites werden.
  Fr diesmal sieh dich immer satt;
  Ich wei dir so ein Schtzchen auszuspren,
  Und selig, wer das gute Schicksal hat,
  Als Brutigam sie heim zu fhren!
  (Faust sieht immerfort in den Spiegel.  Mephistopheles, sich in dem Sessel
  dehnend und mit dem Wedel spielend, fhrt fort zu sprechen.)

  Hier sitz ich wie der Knig auf dem Throne,
  Den Zepter halt ich hier, es fehlt nur noch die Krone.

  DIE TIERE (welche bisher allerlei wunderliche Bewegungen durcheinander
  gemacht haben, bringen dem Mephistopheles eine Krone mit groem Geschrei):
  O sei doch so gut,
  Mit Schwei und mit Blut
  Die Krone zu leimen!
  (Sie gehn ungeschickt mit der Krone um und zerbrechen sie in zwei Stcke,
  mit welchen sie herumspringen.)

  Nun ist es geschehn!
  Wir reden und sehn,
  Wir hren und reimen-

  FAUST (gegen den Spiegel):
  Weh mir!  ich werde schier verrckt.

  MEPHISTOPHELES (auf die Tiere deutend):
  Nun fngt mir an fast selbst der Kopf zu schwanken.

  DIE TIERE:
  Und wenn es uns glckt,
  Und wenn es sich schickt,
  So sind es Gedanken!

  FAUST (wie oben):
  Mein Busen fngt mir an zu brennen!
  Entfernen wir uns nur geschwind!

  MEPHISTOPHELES (in obiger Stellung):
  Nun, wenigstens mu man bekennen,
  Da es aufrichtige Poeten sind.
  (Der Kessel, welchen die Katzin bisher auer acht gelassen, fngt an
  berzulaufen, es entsteht eine groe Flamme, welche zum Schornstein hinaus
  schlgt.  Die Hexe kommt durch die Flamme mit entsetzlichem Geschrei
  herunter gefahren.)

  DIE HEXE:
  Au!  Au!  Au!  Au!
  Verdammtes Tier!  verfluchte Sau!
  Versumst den Kessel, versengst die Frau!
  Verfluchtes Tier!
  (Faust und Mephistopheles erblickend.)
  Was ist das hier?
  Wer seid ihr hier?
  Was wollt ihr da?
  Wer schlich sich ein?
  Die Feuerpein
  Euch ins Gebein!
  (Sie fahrt mit dem Schaumlffel in den Kessel und spritzt Flammen nach
  Faust, Mephistopheles und den Tieren.  Die Tiere winseln.)

  MEPHISTOPHELES (welcher den Wedel, den er in der Hand hlt, umkehrt und
  unter die Glser und Tpfe schlgt):
  Entzwei!  entzwei!
  Da liegt der Brei!
  Da liegt das Glas!
  Es ist nur Spa,
  Der Takt, du Aas,
  Zu deiner Melodei.
  (Indem die Hexe voll Grimm und Entsetzen zurcktritt.)
  Erkennst du mich?  Gerippe!  Scheusal du!
  Erkennst du deinen Herrn und Meister?
  Was hlt mich ab, so schlag ich zu,
  Zerschmettre dich und deine Katzengeister!
  Hast du vorm roten Wams nicht mehr Respekt?
  Kannst du die Hahnenfeder nicht erkennen?
  Hab ich dies Angesicht versteckt?
  Soll ich mich etwa selber nennen?

  DIE HEXE:
  O Herr, verzeiht den rohen Gru!
  Seh ich doch keinen Pferdefu.
  Wo sind denn Eure beiden Raben?

  MEPHISTOPHELES:
  Fr diesmal kommst du so davon;
  Denn freilich ist es eine Weile schon,
  Da wir uns nicht gesehen haben.
  Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen;
  Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?
  Und was den Fu betrifft, den ich nicht missen kann,
  Der wrde mir bei Leuten schaden;
  Darum bedien ich mich, wie mancher junge Mann,
  Seit vielen Jahren falscher Waden.

  DIE HEXE (tanzend):
  Sinn und Verstand verlier ich schier,
  Seh ich den Junker Satan wieder hier!

  MEPHISTOPHELES:
  Den Namen, Weib, verbitt ich mir!

  DIE HEXE:
  Warum?  Was hat er Euch getan?

  MEPHISTOPHELES:
  Er ist schon lang ins Fabelbuch geschrieben;
  Allein die Menschen sind nichts besser dran,
  Den Bsen sind sie los, die Bsen sind geblieben.
  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut;
  Ich bin ein Kavalier, wie andre Kavaliere.
  Du zweifelst nicht an meinem edlen Blut;
  Sieh her, das ist das Wappen, das ich fhre!
  (Er macht eine unanstndige Gebrde.)

  DIE HEXE (lacht unmig):
  Ha!  Ha!  Das ist in Eurer Art!
  Ihr seid ein Schelm, wie Ihr nur immer wart!

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Mein Freund, das lerne wohl verstehn!
  Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.

  DIE HEXE:
  Nun sagt, ihr Herren, was ihr schafft.

  MEPHISTOPHELES:
  Ein gutes Glas von dem bekannten Saft!
  Doch mu ich Euch ums ltste bitten;
  Die Jahre doppeln seine Kraft.

  DIE HEXE:
  Gar gern!  Hier hab ich eine Flasche,
  Aus der ich selbst zuweilen nasche,
  Die auch nicht mehr im mindsten stinkt;
  Ich will euch gern ein Glschen geben.
  (Leise.)
  Doch wenn es dieser Mann unvorbereitet trinkt
  So kann er, wit Ihr wohl, nicht eine Stunde leben.

  MEPHISTOPHELES:
  Es ist ein guter Freund, dem es gedeihen soll;
  Ich gnn ihm gern das Beste deiner Kche.
  Zieh deinen Kreis, sprich deine Sprche,
  Und gib ihm eine Tasse voll!
  (Die Hexe, mit seltsamen Gebrden, zieht einen Kreis und stellt wunderbare
  Sachen hinein; indessen fangen die Glser an zu klingen, die Kessel zu
  tnen, und machen Musik.  Zuletzt bringt sie ein groes Buch, stellt die
  Meerkatzen in den Kreis, die ihr zum Pult dienen und die Fackel halten
  mssen.  Sie winkt Fausten, zu ihr zu treten.)

  FAUST (zu Mephistopheles):
  Nein, sage mir, was soll das werden?
  Das tolle Zeug, die rasenden Gebrden,
  Der abgeschmackteste Betrug,
  Sind mir bekannt, verhat genug.

  MEPHISTOPHELES:
  Ei Possen!  Das ist nur zum Lachen;
  Sei nur nicht ein so strenger Mann!
  Sie mu als Arzt ein Hokuspokus machen,
  Damit der Saft dir wohl gedeihen kann.
  (Er ntigt Fausten, in den Kreis zu treten.)

  DIE HEXE (mit groer Emphase fngt an, aus dem Buche zu deklamieren):
  Du mut verstehn!
  Aus Eins mach Zehn,
  Und Zwei la gehn,
  Und Drei mach gleich,
  So bist du reich.
  Verlier die Vier!
  Aus Fnf und Sechs,
  So sagt die Hex,
  Mach Sieben und Acht,
  So ist's vollbracht:
  Und Neun ist Eins,
  Und Zehn ist keins.
  Das ist das Hexen-Einmaleins!

  FAUST:
  Mich dnkt, die Alte spricht im Fieber.

  MEPHISTOPHELES:
  Das ist noch lange nicht vorber,
  Ich kenn es wohl, so klingt das ganze Buch;
  Ich habe manche Zeit damit verloren,
  Denn ein vollkommner Widerspruch
  Bleibt gleich geheimnisvoll fr Kluge wie fr Toren.
  Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
  Es war die Art zu allen Zeiten,
  Durch Drei und Eins, und Eins und Drei
  Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
  So schwtzt und lehrt man ungestrt;
  Wer will sich mit den Narrn befassen?
  Gewhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
  Es msse sich dabei doch auch was denken lassen.

  DIE HEXE (fhrt fort):
  Die hohe Kraft
  Der Wissenschaft,
  Der ganzen Welt verborgen!
  Und wer nicht denkt,
  Dem wird sie geschenkt,
  Er hat sie ohne Sorgen.

  FAUST:
  Was sagt sie uns fr Unsinn vor?
  Es wird mir gleich der Kopf zerbrechen.
  Mich dnkt, ich hr ein ganzes Chor
  Von hunderttausend Narren sprechen.

  MEPHISTOPHELES:
  Genug, genug, o treffliche Sibylle!
  Gib deinen Trank herbei, und flle
  Die Schale rasch bis an den Rand hinan;
  Denn meinem Freund wird dieser Trunk nicht schaden:
  Er ist ein Mann von vielen Graden,
  Der manchen guten Schluck getan.
  (Die Hexe, mit vielen Zeremonien, schenkt den Trank in eine Schale,
  wie sie Faust an den Mund bringt, entsteht eine leichte Flamme.)

  Nur frisch hinunter!  Immer zu!
  Es wird dir gleich das Herz erfreuen.
  Bist mit dem Teufel du und du,
  Und willst dich vor der Flamme scheuen?
  (Die Hexe lst den Kreis.  Faust tritt heraus.)

  Nun frisch hinaus!  Du darfst nicht ruhn.

  DIE HEXE:
  Mg Euch das Schlckchen wohl behagen!

  MEPHISTOPHELES (zur Hexe):
  Und kann ich dir was zu Gefallen tun,
  So darfst du mir's nur auf Walpurgis sagen.

  DIE HEXE:
  Hier ist ein Lied!  wenn Ihr's zuweilen singt,
  So werdet Ihr besondre Wirkung spren.

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Komm nur geschwind und la dich fhren;
  Du mut notwendig transpirieren,
  Damit die Kraft durch Inn- und ures dringt.
  Den edlen Miggang lehr ich hernach dich schtzen,
  Und bald empfindest du mit innigem Ergetzen,
  Wie sich Cupido regt und hin und wider springt.

  FAUST:
  La mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!
  Das Frauenbild war gar zu schn!

  MEPHISTOPHELES:
  Nein!  Nein!  Du sollst das Muster aller Frauen
  Nun bald leibhaftig vor dir sehn.
  (Leise.)

  Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
  Bald Helenen in jedem Weibe.



  Strae (I)

  Faust.  Margarete vorbergehend.

  FAUST:
  Mein schnes Frulein, darf ich wagen,
  Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

  MARGARETE:
  Bin weder Frulein, weder schn,
  Kann ungeleitet nach Hause gehn.
  (Sie macht sich los und ab.)

  FAUST:
  Beim Himmel, dieses Kind ist schn!
  So etwas hab ich nie gesehn.
  Sie ist so sitt- und tugendreich,
  Und etwas schnippisch doch zugleich.
  Der Lippe Rot, der Wange Licht,
  Die Tage der Welt verge ich's nicht!
  Wie sie die Augen niederschlgt,
  Hat tief sich in mein Herz geprgt;
  Wie sie kurz angebunden war,
  Das ist nun zum Entzcken gar!
  (Mephistopheles tritt auf.)

  FAUST:
  Hr, du mut mir die Dirne schaffen!

  MEPHISTOPHELES:
  Nun, welche?

  FAUST:
  Sie ging just vorbei.

  MEPHISTOPHELES:
  Da die?  Sie kam von ihrem Pfaffen,
  Der sprach sie aller Snden frei
  Ich schlich mich hart am Stuhl vorbei,
  Es ist ein gar unschuldig Ding,
  Das eben fr nichts zur Beichte ging;
  ber die hab ich keine Gewalt!

  FAUST:
  Ist ber vierzehn Jahr doch alt.

  MEPHISTOPHELES:
  Du sprichst ja wie Hans Liederlich,
  Der begehrt jede liebe Blum fr sich,
  Und dnkelt ihm, es wr kein Ehr
  Und Gunst, die nicht zu pflcken wr;
  Geht aber doch nicht immer an.

  FAUST:
  Mein Herr Magister Lobesan,
  La Er mich mit dem Gesetz in Frieden!
  Und das sag ich Ihm kurz und gut:
  Wenn nicht das se junge Blut
  Heut Nacht in meinen Armen ruht,
  So sind wir um Mitternacht geschieden.

  MEPHISTOPHELES:
  Bedenkt, was gehn und stehen mag!
  Ich brauche wenigstens vierzehn Tag,
  Nur die Gelegenheit auszuspren.

  FAUST:
  Htt ich nur sieben Stunden Ruh,
  Brauchte den Teufel nicht dazu
  So ein Geschpfchen zu verfhren.

  MEPHISTOPHELES:
  Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos;
  Doch bitt ich, lat's Euch nicht verdrieen:
  Was hilft's, nur grade zu genieen?
  Die Freud ist lange nicht so gro,
  Als wenn Ihr erst herauf, herum
  Durch allerlei Brimborium,
  Das Pppchen geknetet und zugericht't
  Wie's lehret manche welsche Geschicht.

  FAUST:
  Hab Appetit auch ohne das.

  MEPHISTOPHELES:
  Jetzt ohne Schimpf und ohne Spa:
  Ich sag Euch, mit dem schnen Kind
  Geht's ein fr allemal nicht geschwind.
  Mit Sturm ist da nichts einzunehmen;
  Wir mssen uns zur List bequemen.

  FAUST:
  Schaff mir etwas vom Engelsschatz!
  Fhr mich an ihren Ruheplatz!
  Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,
  Ein Strumpfband meiner Liebeslust!

  MEPHISTOPHELES:
  Damit Ihr seht, da ich Eurer Pein
  Will frderlich und dienstlich sein'
  Wollen wir keinen Augenblick verlieren,
  Will Euch noch heut in ihr Zimmer fhren.

  FAUST:
  Und soll sie sehn?  sie haben?

  MEPHISTOPHELES:
  Nein!  Sie wird bei einer Nachbarin sein.
  Indessen knnt Ihr ganz allein
  An aller Hoffnung knft'ger Freuden
  In ihrem Dunstkreis satt Euch weiden.

  FAUST:
  Knnen wir hin?

  MEPHISTOPHELES:
  Es ist noch zu frh.
  FAUST:
  Sorg du mir fr ein Geschenk fr sie!
  (Ab.)

  MEPHISTOPHELES:
  Gleich schenken?  Das ist brav!  Da wird er ressieren!
  Ich kenne manchen schnen Platz
  Und manchen altvergrabnen Schatz;
  Ich mu ein bichen revidieren.
  (Ab.)




  Abend.  Ein kleines reinliches Zimmer

  Margarete ihre Zpfe flechtend und aufbindend.

  Ich gb was drum, wenn ich nur wt,
  Wer heut der Herr gewesen ist!
  Er sah gewi recht wacker aus
  Und ist aus einem edlen Haus;
  Das konnt ich ihm an der Stirne lesen-
  Er wr auch sonst nicht so keck gewesen.
  (Ab.)

  MEPHISTOPHELES:
  Herein, ganz leise, nur herein!

  FAUST (nach einigem Stillschweigen):
  Ich bitte dich, la mich allein!

  MEPHISTOPHELES (herumsprend):
  Nicht jedes Mdchen hlt so rein.
  (Ab.)

  FAUST (rings aufschauend):
  Willkommen, ser Dmmerschein,
  Der du dies Heiligtum durchwebst!
  Ergreif mein Herz, du se Liebespein,
  Die du vom Tau der Hoffnung schmachtend lebst!
  Wie atmet rings Gefhl der Stille,
  Der Ordnung, der Zufriedenheit!
  In dieser Armut welche Flle!
  In diesem Kerker welche Seligkeit!
  (Er wirft sich auf den ledernen Sessel am Bette.)

  O nimm mich auf, der du die Vorwelt schon
  Bei Freud und Schmerz im offnen Arm empfangen!
  Wie oft, ach!  hat an diesem Vterthron
  Schon eine Schar von Kindern rings gehangen!
  Vielleicht hat, dankbar fr den heil'gen Christ
  Mein Liebchen hier, mit vollen Kinderwangen,
  Dem Ahnherrn fromm die welke Hand gekt.
  Ich fhl o Mdchen, deinen Geist
  Der Fll und Ordnung um mich suseln,
  Der mtterlich dich tglich unterweist
  Den Teppich auf den Tisch dich reinlich breiten heit,
  Sogar den Sand zu deinen Fen kruseln.
  O liebe Hand!  so gttergleich!
  Die Htte wird durch dich ein Himmelreich.
  Und hier!
  (Er hebt einen Bettvorhang auf.)

  Was fat mich fr ein Wonnegraus!  Hier mcht ich volle Stunden sumen.
  Natur, hier bildetest in leichten Trumen
  Den eingebornen Engel aus!
  Hier lag das Kind!  mit warmem Leben
  Den zarten Busen angefllt,
  Und hier mit heilig reinem Weben
  Entwirkte sich das Gtterbild!

  Und du!  Was hat dich hergefhrt?
  Wie innig fhl ich mich gerhrt!
  Was willst du hier?  Was wird das Herz dir schwer?
  Armsel'ger Faust!  ich kenne dich nicht mehr.

  Umgibt mich hier ein Zauberduft?
  Mich drang's, so grade zu genieen,
  Und fhle mich in Liebestraum zerflieen!
  Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?

  Und trte sie den Augenblick herein,
  Wie wrdest du fr deinen Frevel ben!
  Der groe Hans, ach wie so klein!
  Lg, hingeschmolzen, ihr zu Fen.

  MEPHISTOPHELES (kommt):
  Geschwind!  ich seh sie unten kommen.

  FAUST:
  Fort!  Fort!  Ich kehre nimmermehr!

  MEPHISTOPHELES:
  Hier ist ein Kstchen leidlich schwer,
  Ich hab's wo anders hergenommen.
  Stellt's hier nur immer in den Schrein,
  Ich schwr Euch, ihr vergehn die Sinnen;
  Ich tat Euch Schelchen hinein,
  Um eine andre zu gewinnen.
  Zwar Kind ist Kind, und Spiel ist Spiel.

  FAUST:
  Ich wei nicht, soll ich?

  MEPHISTOPHELES:
  Fragt Ihr viel?  Meint Ihr vielleicht den Schatz zu wahren?
  Dann rat ich Eurer Lsternheit,
  Die liebe schne Tageszeit
  Und mir die weitre Mh zu sparen.
  Ich hoff nicht, da Ihr geizig seid!
  Ich kratz den Kopf, reib an den Hnden-
  (Er stellt das Kstchen in den Schrein und drckt das Schlo wieder zu.)
  Nur fort!  geschwind!
  Um Euch das se junge Kind
  Nach Herzens Wunsch und Will zu wenden;
  Und Ihr seht drein
  Als solltet Ihr in den Hrsaal hinein,
  Als stnden grau leibhaftig vor Euch da
  Physik und Metaphysika!
  Nur fort!
  (Ab.)


  Margarete mit einer Lampe.

  Es ist so schwl, so dumpfig hie
  (sie macht das Fenster auf)
  Und ist doch eben so warm nicht drau.
  Es wird mir so, ich wei nicht wie-
  Ich wollt, die Mutter km nach Haus.
  Mir luft ein Schauer bern ganzen Leib-
  Bin doch ein tricht furchtsam Weib!
  (sie fngt an zu singen, indem sie sich auszieht.)

  Es war ein Knig in Thule
  Gar treu bis an das Grab,
  Dem sterbend seine Buhle
  Einen goldnen Becher gab.

  Es ging ihm nichts darber,
  Er leert ihn jeden Schmaus;
  Die Augen gingen ihm ber,
  Sooft er trank daraus.

  Und als er kam zu sterben,
  Zhlt er seine Stdt im Reich,
  Gnnt alles seinem Erben,
  Den Becher nicht zugleich.

  Er sa beim Knigsmahle,
  Die Ritter um ihn her,
  Auf hohem Vtersaale,
  Dort auf dem Schlo am Meer.

  Dort stand der alte Zecher,
  Trank letzte Lebensglut
  Und warf den heiligen Becher
  Hinunter in die Flut.

  Er sah ihn strzen, trinken
  Und sinken tief ins Meer,
  Die Augen tten ihm sinken,
  Trank nie einen Tropfen mehr.

  (Sie erffnet den Schrein, ihre Kleider einzurumen, und erblickt das
  Schmuckkstchen.)

  Wie kommt das schne Kstchen hier herein?
  Ich schlo doch ganz gewi den Schrein.
  Es ist doch wunderbar!  Was mag wohl drinne sein?
  Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand,
  Und meine Mutter lieh darauf.
  Da hngt ein Schlsselchen am Band
  Ich denke wohl, ich mach es auf!
  Was ist das?  Gott im Himmel!  Schau,
  So was hab ich mein Tage nicht gesehn!
  Ein Schmuck!  Mit dem knnt eine Edelfrau
  Am hchsten Feiertage gehn.
  Wie sollte mir die Kette stehn?
  Wem mag die Herrlichkeit gehren?

  (Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)

  Wenn nur die Ohrring meine wren!
  Man sieht doch gleich ganz anders drein.
  Was hilft euch Schnheit, junges Blut?
  Das ist wohl alles schn und gut,
  Allein man lt's auch alles sein;
  Man lobt euch halb mit Erbarmen.
  Nach Golde drngt,
  Am Golde hngt
  Doch alles.  Ach wir Armen!



  Spaziergang

  Faust in Gedanken auf und ab gehend.  Zu ihm Mephistopheles.

  MEPHISTOPHELES:
  Bei aller verschmhten Liebe!  Beim hllischen Elemente!
  Ich wollt, ich wte was rgers, da ich's fluchen knnte!

  FAUST:
  Was hast?  was kneipt dich denn so sehr?
  So kein Gesicht sah ich in meinem Leben!

  MEPHISTOPHELES:
  Ich mcht mich gleich dem Teufel bergeben,
  Wenn ich nur selbst kein Teufel wr!

  FAUST:
  Hat sich dir was im Kopf verschoben?
  Dich kleidet's wie ein Rasender zu toben!

  MEPHISTOPHELES:
  Denkt nur, den Schmuck, fr Gretchen angeschafft,
  Den hat ein Pfaff hinweggerafft!
  Die Mutter kriegt das Ding zu schauen
  Gleich fngt's ihr heimlich an zu grauen,
  Die Frau hat gar einen feinen Geruch,
  Schnuffelt immer im Gebetbuch
  Und riecht's einem jeden Mbel an,
  Ob das Ding heilig ist oder profan;
  Und an dem Schmuck da sprt, sie's klar,
  Da dabei nicht viel Segen war.
  "Mein Kind", rief sie, "ungerechtes Gut
  Befngt die Seele, zehrt auf das Blut.
  Wollen's der Mutter Gottes weihen,
  Wird uns mit Himmelsmanna erfreuen!"
  Margretlein zog ein schiefes Maul,
  Ist halt, dacht sie, ein geschenkter Gaul,
  Und wahrlich!  gottlos ist nicht der,
  Der ihn so fein gebracht hierher.
  Die Mutter lie einen Pfaffen kommen;
  Der hatte kaum den Spa vernommen,
  Lie sich den Anblick wohl behagen.
  Er sprach: "So ist man recht gesinnt!
  Wer berwindet, der gewinnt.
  Die Kirche hat einen guten Magen,
  Hat ganze Lnder aufgefressen
  Und doch noch nie sich bergessen;
  Die Kirch allein, meine lieben Frauen,
  Kann ungerechtes Gut verdauen."

  FAUST:
  Das ist ein allgemeiner Brauch,
  Ein Jud und Knig kann es auch.

  MEPHISTOPHELES:
  Strich drauf ein Spange, Kett und Ring',
  Als wren's eben Pfifferling',
  Dankt' nicht weniger und nicht mehr,
  Als ob's ein Korb voll Nsse wr,
  Versprach ihnen allen himmlischen Lohn-
  Und sie waren sehr erbaut davon.

  FAUST:
  Und Gretchen?

  MEPHISTOPHELES:
  Sitzt nun unruhvoll, Wei weder, was sie will noch soll,
  Denkt ans Geschmeide Tag und Nacht,
  Noch mehr an den, der's ihr gebracht.

  FAUST:
  Des Liebchens Kummer tut mir leid.
  Schaff du ihr gleich ein neu Geschmeid!
  Am ersten war ja so nicht viel.

  MEPHISTOPHELES:
  O ja, dem Herrn ist alles Kinderspiel!

  FAUST:
  Und mach, und richt's nach meinem Sinn,
  Hng dich an ihre Nachbarin!
  Sei, Teufel, doch nur nicht wie Brei,
  Und schaff einen neuen Schmuck herbei!

  MEPHISTOPHELES:
  Ja, gnd'ger Herr, von Herzen gerne.
  (Faust ab.)

  So ein verliebter Tor verpufft
  Euch Sonne, Mond und alle Sterne
  Zum Zeitvertreib dem Liebchen in die Luft.
  (Ab.)




  Der Nachbarin Haus

  Marthe allein.


  Gott verzeih's meinem lieben Mann,
  Er hat an mir nicht wohl getan!
  Geht da stracks in die Welt hinein
  Und lt mich auf dem Stroh allein.
  Tt ihn doch wahrlich nicht betrben,
  Tt ihn, wei Gott, recht herzlich lieben.
  (Sie weint.)
  Vielleicht ist er gar tot!- O Pein!-
  Htt ich nur einen Totenschein!

  (Margarete kommt.)

  MARGARETE:
  Frau Marthe!

  MARTHE:
  Gretelchen, was soll's?

  MARGARETE:
  Fast sinken mir die Kniee nieder!
  Da find ich so ein Kstchen wieder
  In meinem Schrein, von Ebenholz,
  Und Sachen herrlich ganz und gar,
  Weit reicher, als das erste war.

  MARTHE:
  Das mu Sie nicht der Mutter sagen;
  Tt's wieder gleich zur Beichte tragen.

  MARGARETE:
  Ach seh Sie nur!  ach schau Sie nur!

  MARTHE (putzt sie auf):
  O du glcksel'ge Kreatur!

  MARGARETE:
  Darf mich, leider, nicht auf der Gassen
  Noch in der Kirche mit sehen lassen.

  MARTHE:
  Komm du nur oft zu mir herber,
  Und leg den Schmuck hier heimlich an;
  Spazier ein Stndchen lang dem Spiegelglas vorber,
  Wir haben unsre Freude dran;
  Und dann gibt's einen Anla, gibt's ein Fest,
  Wo man's so nach und nach den Leuten sehen lt.
  Ein Kettchen erst, die Perle dann ins Ohr;
  Die Mutter sieht's wohl nicht, man macht ihr auch was vor.

  MARGARETE:
  Wer konnte nur die beiden Kstchen bringen?
  Es geht nicht zu mit rechten Dingen!
  (Es klopft.)

  Ach Gott!  mag das meine Mutter sein?

  MARTHE (durchs Vorhngel guckend):
  Es ist ein fremder Herr- Herein!

  (Mephistopheles tritt auf.)

  MEPHISTOPHELES:
  Bin so frei, grad hereinzutreten,
  Mu bei den Frauen Verzeihn erbeten.
  (Tritt ehrerbietig vor Margareten zurck.)

  Wollte nach Frau Marthe Schwerdtlein fragen!

  MARTHE:
  Ich bin's, was hat der Herr zu sagen?

  MEPHISTOPHELES (leise zu ihr):
  Ich kenne Sie jetzt, mir ist das genug;
  Sie hat da gar vornehmen Besuch.
  Verzeiht die Freiheit, die ich genommen,
  Will Nachmittage wiederkommen.

  MARTHE (lacht):
  Denk, Kind, um alles in der Welt!
  Der Herr dich fr ein Frulein hlt.

  MARGARETE:
  Ich bin ein armes junges Blut;
  Ach Gott!  der Herr ist gar zu gut:
  Schmuck und Geschmeide sind nicht mein.

  MEPHISTOPHELES:
  Ach, es ist nicht der Schmuck allein;
  Sie hat ein Wesen, einen Blick so scharf!
  Wie freut mich's, da ich bleiben darf.

  MARTHE:
  Was bringt Er denn?  Verlange sehr-

  MEPHISTOPHELES:
  Ich wollt, ich htt eine frohere Mr!-
  Ich hoffe, Sie lt mich's drum nicht ben:
  Ihr Mann ist tot und lt Sie gren.

  MARTHE:
  Ist tot?  das treue Herz!  O weh!
  Mein Mann ist tot!  Ach ich vergeh!

  MARGARETE:
  Ach!  liebe Frau, verzweifelt nicht!

  MEPHISTOPHELES:
  So hrt die traurige Geschicht!

  MARGARETE:
  Ich mchte drum mein' Tag' nicht lieben,
  Wrde mich Verlust zu Tode betrben.

  MEPHISTOPHELES:
  Freud mu Leid, Leid mu Freude haben.

  MARTHE:
  Erzhlt mir seines Lebens Schlu!

  MEPHISTOPHELES:
  Er liegt in Padua begraben
  Beim heiligen Antonius
  An einer wohlgeweihten Sttte
  Zum ewig khlen Ruhebette.

  MARTHE:
  Habt Ihr sonst nichts an mich zu bringen?

  MEPHISTOPHELES:
  Ja, eine Bitte, gro und schwer:
  La Sie doch ja fr ihn dreihundert Messen singen!
  Im brigen sind meine Taschen leer.

  MARTHE:
  Was!  nicht ein Schaustck?  kein Geschmeid?
  Was jeder Handwerksbursch im Grund des Sckels spart,
  Zum Angedenken aufbewahrt,
  Und lieber hungert, lieber bettelt!

  MEPHISTOPHELES:
  Madam, es tut mir herzlich leid;
  Allein er hat sein Geld wahrhaftig nicht verzettelt.
  Auch er bereute seine Fehler sehr,
  Ja, und bejammerte sein Unglck noch viel mehr.

  MARGARETE:
  Ach!  da die Menschen so unglcklich sind!
  Gewi, ich will fr ihn manch Requiem noch beten.

  MEPHISTOPHELES:
  Ihr wret wert, gleich in die Eh zu treten:
  Ihr seid ein liebenswrdig Kind.

  MARGARETE:
  Ach nein, das geht jetzt noch nicht an.

  MEPHISTOPHELES:
  Ist's nicht ein Mann, sei's derweil ein Galan.
  's ist eine der grten Himmelsgaben,
  So ein lieb Ding im Arm zu haben.

  MARGARETE:
  Das ist des Landes nicht der Brauch.

  MEPHISTOPHELES:
  Brauch oder nicht!  Es gibt sich auch.

  MARTHE:
  Erzhlt mir doch!

  MEPHISTOPHELES:
  Ich stand an seinem Sterbebette, Es war was besser als von Mist,
  Von halbgefaultem Stroh; allein er starb als Christ
  Und fand, da er weit mehr noch auf der Zeche htte.
  "Wie", rief er, "mu ich mich von Grund aus hassen,
  So mein Gewerb, mein Weib so zu verlassen!
  Ach, die Erinnrung ttet mich
  Vergb sie mir nur noch in diesem Leben!"

  MARTHE (weinend):
  Der gute Mann!  ich hab ihm lngst vergeben.

  MEPHISTOPHELES:
  "Allein, wei Gott!  sie war mehr schuld als ich."

  MARTHE:
  Das lgt er!  Was!  am Rand des Grabs zu lgen!

  MEPHISTOPHELES:
  Er fabelte gewi in letzten Zgen,
  Wenn ich nur halb ein Kenner bin.
  "Ich hatte", sprach er, "nicht zum Zeitvertreib zu gaffen
  Erst Kinder, und dann Brot fr sie zu schaffen,
  Und Brot im allerweitsten Sinn,
  Und konnte nicht einmal mein Teil in Frieden essen."

  MARTHE:
  Hat er so aller Treu, so aller Lieb vergessen,
  Der Plackerei bei Tag und Nacht!

  MEPHISTOPHELES:
  Nicht doch, er hat Euch herzlich dran gedacht.
  Er sprach: "Als ich nun weg von Malta ging
  Da betet ich fr Frau und Kinder brnstig;
  Uns war denn auch der Himmel gnstig,
  Da unser Schiff ein trkisch Fahrzeug fing,
  Das einen Schatz des groen Sultans fhrte.
  Da ward der Tapferkeit ihr Lohn,
  Und ich empfing denn auch, wie sich's gebhrte,
  Mein wohlgemenes Teil davon."

  MARTHE:
  Ei wie?  Ei wo?  Hat er's vielleicht vergraben?

  MEPHISTOPHELES:
  Wer wei, wo nun es die vier Winde haben.
  Ein schnes Frulein nahm sich seiner an,
  Als er in Napel fremd umherspazierte;
  Sie hat an ihm viel Liebs und Treus getan,
  Da er's bis an sein selig Ende sprte.

  MARTHE:
  Der Schelm!  der Dieb an seinen Kindern!
  Auch alles Elend, alle Not
  Konnt nicht sein schndlich Leben hindern!

  MEPHISTOPHELES:
  Ja seht!  dafr ist er nun tot.
  Wr ich nun jetzt an Eurem Platze,
  Betraurt ich ihn ein zchtig Jahr,
  Visierte dann unterweil nach einem neuen Schatze.

  MARTHE:
  Ach Gott!  wie doch mein erster war,
  Find ich nicht leicht auf dieser Welt den andern!
  Es konnte kaum ein herziger Nrrchen sein.
  Er liebte nur das allzuviele Wandern
  Und fremde Weiber und fremden Wein
  Und das verfluchte Wrfelspiel.

  MEPHISTOPHELES:
  Nun, nun, so konnt es gehn und stehen,
  Wenn er Euch ungefhr so viel
  Von seiner Seite nachgesehen.
  Ich schwr Euch zu, mit dem Beding
  Wechselt ich selbst mit Euch den Ring!

  MARTHE:
  O es beliebt dem Herrn zu scherzen!

  MEPHISTOPHELES (fr sich):
  Nun mach ich mich beizeiten fort!
  Die hielte wohl den Teufel selbst beim Wort.
  (Zu Gretchen.)
  Wie steht es denn mit Ihrem Herzen?

  MARGARETE:
  Was meint der Herr damit?

  MEPHISTOPHELES (fr sich):
  Du guts, unschuldigs Kind!  (Laut.) Lebt wohl, ihr Fraun!

  MARGARETE:
  Lebt wohl!

  MARTHE:
  O sagt mir doch geschwind!  Ich mchte gern ein Zeugnis haben,
  Wo, wie und wann mein Schatz gestorben und begraben.
  Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen,
  Mcht, ihn auch tot im Wochenblttchen lesen.

  MEPHISTOPHELES:
  Ja, gute Frau, durch zweier Zeugen Mund
  Wird allerwegs die Wahrheit kund;
  Habe noch gar einen feinen Gesellen,
  Den will ich Euch vor den Richter stellen.
  Ich bring ihn her.

  MARTHE:
  O tut das ja!

  MEPHISTOPHELES:
  Und hier die Jungfrau ist auch da?
  Ein braver Knab!  ist viel gereist,
  Fruleins alle Hflichkeit erweist.

  MARGARETE:
  Mte vor dem Herren schamrot werden.

  MEPHISTOPHELES:
  Vor keinem Knige der Erden.

  MARTHE:
  Da hinterm Haus in meinem Garten
  Wollen wir der Herren heut abend warten.



  Strae (II)

  Faust.  Mephistopheles.


  FAUST:
  Wie ist's?  Will's frdern?  Will's bald gehn?

  MEPHISTOPHELES:
  Ah bravo!  Find ich Euch in Feuer?
  In kurzer Zeit ist Gretchen Euer.
  Heut abend sollt Ihr sie bei Nachbar' Marthen sehn:
  Das ist ein Weib wie auserlesen
  Zum Kuppler- und Zigeunerwesen!

  FAUST:
  So recht!

  MEPHISTOPHELES:
  Doch wird auch was von uns begehrt.

  FAUST:
  Ein Dienst ist wohl des andern wert.

  MEPHISTOPHELES:
  Wir legen nur ein gltig Zeugnis nieder,
  Da ihres Ehherrn ausgereckte Glieder
  In Padua an heil'ger Sttte ruhn.

  FAUST:
  Sehr klug!  Wir werden erst die Reise machen mssen!

  MEPHISTOPHELES:
  Sancta Simplicitas!  darum ist's nicht zu tun;
  Bezeugt nur, ohne viel zu wissen.

  FAUST:
  Wenn Er nichts Bessers hat, so ist der Plan zerrissen.

  MEPHISTOPHELES:
  O heil'ger Mann!  Da wrt Ihr's nun!
  Ist es das erstemal in eurem Leben,
  Da Ihr falsch Zeugnis abgelegt?
  Habt Ihr von Gott, der Welt und was sich drin bewegt,
  Vom Menschen, was sich ihm in den Kopf und Herzen regt,
  Definitionen nicht mit groer Kraft gegeben?
  Mit frecher Stirne, khner Brust?
  Und wollt Ihr recht ins Innre gehen,
  Habt Ihr davon, Ihr mt es grad gestehen,
  So viel als von Herrn Schwerdtleins Tod gewut!

  FAUST:
  Du bist und bleibst ein Lgner, ein Sophiste.

  MEPHISTOPHELES:
  Ja, wenn man's nicht ein bichen tiefer wte.
  Denn morgen wirst, in allen Ehren,
  Das arme Gretchen nicht betren
  Und alle Seelenlieb ihr schwren?

  FAUST:
  Und zwar von Herzen.

  MEPHISTOPHELES:
  Gut und schn!  Dann wird von ewiger Treu und Liebe,
  von einzig berallmcht'gem Triebe-
  Wird das auch so von Herzen gehn?

  FAUST:
  La das!  Es wird!- Wenn ich empfinde,
  Fr das Gefhl, fr das Gewhl
  Nach Namen suche, keinen finde,
  Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife,
  Nach allen hchsten Worten greife,
  Und diese Glut, von der ich brenne,
  Unendlich, ewig, ewig nenne,
  Ist das ein teuflisch Lgenspiel?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich hab doch recht!

  FAUST:
  Hr!  merk dir dies- Ich bitte dich, und schone meine Lunge-:
  Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge,
  Behlt's gewi.
  Und komm, ich hab des Schwtzens berdru,
  Denn du hast recht, vorzglich weil ich mu.



  Garten

  Margarete an Faustens Arm, Marthe mit Mephistopheles auf und ab spazierend.


  MARGARETE:
  Ich fhl es wohl, da mich der Herr nur schont,
  Herab sich lt, mich zu beschmen.
  Ein Reisender ist so gewohnt,
  Aus Gtigkeit frliebzunehmen;
  Ich wei zu gut, da solch erfahrnen Mann
  Mein arm Gesprch nicht unterhalten kann.

  FAUST:
  Ein Blick von dir, ein Wort mehr unterhlt
  Als alle Weisheit dieser Welt.
  (Er kt ihre Hand.)

  MARGARETE:
  Inkommodiert Euch nicht!  Wie knnt Ihr sie nur kssen?
  Sie ist so garstig, ist so rauh!
  Was hab ich nicht schon alles schaffen mssen!
  Die Mutter ist gar zu genau.
  (Gehn vorber.)

  MARTHE:
  Und Ihr, mein Herr, Ihr reist so immer fort?

  MEPHISTOPHELES:
  Ach, da Gewerb und Pflicht uns dazu treiben!
  Mit wieviel Schmerz verlt man manchen Ort
  Und darf doch nun einmal nicht bleiben!

  MARTHE:
  In raschen Jahren geht's wohl an
  So um und um frei durch die Welt zu streifen;
  Doch kmmt die bse Zeit heran,
  Und sich als Hagestolz allein zum Grab zu schleifen,
  Das hat noch keinem wohlgetan.

  MEPHISTOPHELES:
  Mit Grausen seh ich das von weiten.

  MARTHE:
  Drum, werter Herr, beratet Euch in Zeiten.
  (Gehn vorber.)

  MARGARETE:
  Ja, aus den Augen, aus dem Sinn!
  Die Hflichkeit ist Euch gelufig;
  Allein Ihr habt der Freunde hufig,
  Sie sind verstndiger, als ich bin.

  FAUST:
  O Beste!  glaube, was man so verstndig nennt,
  Ist oft mehr Eitelkeit und Kurzsinn.

  MARGARETE:
  Wie?

  FAUST:
  Ach, da die Einfalt, da die Unschuld nie
  Sich selbst und ihren heil'gen Wert erkennt!
  Da Demut Niedrigkeit, die hchsten Gaben
  Der liebevoll austeilenden Natur-

  MARGARETE:
  Denkt Ihr an mich ein Augenblickchen nur,
  Ich werde Zeit genug an Euch zu denken haben.

  FAUST:
  Ihr seid wohl viel allein?

  MARGARETE:
  Ja, unsre Wirtschaft ist nur klein,
  Und doch will sie versehen sein.
  Wir haben keine Magd; mu kochen, fegen, stricken
  Und nhn und laufen frh und spat;
  Und meine Mutter ist in allen Stcken
  So akkurat!
  Nicht da sie just so sehr sich einzuschrnken hat;
  Wir knnten uns weit eh'r als andre regen:
  Mein Vater hinterlie ein hbsch Vermgen,
  Ein Huschen und ein Grtchen vor der Stadt.
  Doch hab ich jetzt so ziemlich stille Tage:
  Mein Bruder ist Soldat,
  Mein Schwesterchen ist tot.
  Ich hatte mit dem Kind wohl meine liebe Not;
  Doch bernhm ich gern noch einmal alle Plage,
  So lieb war mir das Kind.

  FAUST:
  Ein Engel, wenn dir's glich.

  MARGARETE:
  Ich zog es auf, und herzlich liebt es mich.
  Es war nach meines Vaters Tod geboren.
  Die Mutter gaben wir verloren,
  So elend wie sie damals lag,
  Und sie erholte sich sehr langsam, nach und nach.
  Da konnte sie nun nicht dran denken,
  Das arme Wrmchen selbst zu trnken,
  Und so erzog ich's ganz allein,
  Mit Milch und Wasser, so ward's mein
  Auf meinem Arm, in meinem Scho
  War's freundlich, zappelte, ward gro.

  FAUST:
  Du hast gewi das reinste Glck empfunden.

  MARGARETE:
  Doch auch gewi gar manche schwere Stunden.
  Des Kleinen Wiege stand zu Nacht
  An meinem Bett; es durfte kaum sich regen,
  War ich erwacht;
  Bald mut ich's trnken, bald es zu mir legen
  Bald, wenn's nicht schwieg, vom Bett aufstehn
  Und tnzelnd in der Kammer auf und nieder gehn,
  Und frh am Tage schon am Waschtrog stehn;
  Dann auf dem Markt und an dem Herde sorgen,
  Und immer fort wie heut so morgen.
  Da geht's, mein Herr, nicht immer mutig zu;
  Doch schmeckt dafr das Essen, schmeckt die Ruh.
  (Gehn vorber.)

  MARTHE:
  Die armen Weiber sind doch bel dran:
  Ein Hagestolz ist schwerlich zu bekehren.

  MEPHISTOPHELES:
  Es kme nur auf Euresgleichen an,
  Mich eines Bessern zu belehren.

  MARTHE:
  Sagt grad, mein Herr, habt Ihr noch nichts gefunden?
  Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden?

  MEPHISTOPHELES:
  Das Sprichwort sagt: Ein eigner Herd,
  Ein braves Weib sind Gold und Perlen wert.

  MARTHE:
  Ich meine: ob Ihr niemals Lust bekommen?

  MEPHISTOPHELES:
  Man hat mich berall recht hflich aufgenommen.

  MARTHE:
  Ich wollte sagen: ward's nie Ernst in Eurem Herzen?

  MEPHISTOPHELES:
  Mit Frauen soll man sich nie unterstehn zu scherzen.

  MARTHE:
  Ach, Ihr versteht mich nicht!

  MEPHISTOPHELES:
  Das tut mir herzlich leid!  Doch ich versteh- da Ihr sehr gtig seid.
  (Gehn vorber.)

  FAUST:
  Du kanntest mich, o kleiner Engel, wieder,
  Gleich als ich in den Garten kam?

  MARGARETE:
  Saht Ihr es nicht, ich schlug die Augen nieder.

  FAUST:
  Und du verzeihst die Freiheit, die ich nahm?
  Was sich die Frechheit unterfangen,
  Als du jngst aus dem Dom gegangen?

  MARGARETE:
  Ich war bestrzt, mir war das nie geschehn;
  Es konnte niemand von mir bels sagen.
  Ach, dacht ich, hat er in deinem Betragen
  Was Freches, Unanstndiges gesehn?
  Es schien ihn gleich nur anzuwandeln,
  Mit dieser Dirne gradehin zu handeln.
  Gesteh ich's doch!  Ich wute nicht, was sich
  Zu Eurem Vorteil hier zu regen gleich begonnte;
  Allein gewi, ich war recht bs auf mich,
  Da ich auf Euch nicht bser werden konnte.

  FAUST:
  S Liebchen!

  MARGARETE:
  Lat einmal!
  (Sie pflckt eine Sternblume und zupft die Bltter ab, eins nach dem
  andern.)

  FAUST:
  Was soll das?  Einen Strau?

  MARGARETE:
  Nein, es soll nur ein Spiel.

  FAUST:
  Wie?

  MARGARETE:
  Geht!  Ihr lacht mich aus.
  (Sie rupft und murmelt.)

  FAUST:
  Was murmelst du?

  MARGARETE (halblaut):
  Er liebt mich- liebt mich nicht.
  FAUST:
  Du holdes Himmelsangesicht!

  MARGARETE (fhrt fort):
  Liebt mich- nicht- liebt mich- nicht-
  (Das letzte Blatt ausrupfend, mit holder Freude.)
  Er liebt mich!

  FAUST:
  Ja, mein Kind!  La dieses Blumenwort Dir Gtterausspruch sein.  Er liebt
  dich!
  Verstehst du, was das heit?  Er liebt dich!
  (Er fat ihre beiden Hnde.)

  MARGARETE:
  Mich berluft's!

  FAUST:
  O schaudre nicht!  La diesen Blick,
  La diesen Hndedruck dir sagen
  Was unaussprechlich ist:
  Sich hinzugeben ganz und eine Wonne
  Zu fhlen, die ewig sein mu!
  Ewig!- Ihr Ende wrde Verzweiflung sein
  Nein, kein Ende!  Kein Ende!
  (Margarete drckt ihm die Hnde, macht sich los und luft weg.  Er steht
  einen Augenblick in Gedanken, dann folgt er ihr.)

  MARTHE (kommend):
  Die Nacht bricht an.

  MEPHISTOPHELES:
  Ja, und wir wollen fort.

  MARTHE:
  Ich bt Euch, lnger hier zu bleiben,
  Allein es ist ein gar zu bser Ort.
  Es ist, als htte niemand nichts zu treiben
  Und nichts zu schaffen,
  Als auf des Nachbarn Schritt und Tritt zu gaffen,
  Und man kommt ins Gered, wie man sich immer stellt.
  Und unser Prchen?

  MEPHISTOPHELES:
  Ist den Gang dort aufgeflogen.  Mutwill'ge Sommervgel!

  MARTHE:
  Er scheint ihr gewogen.

  MEPHISTOPHELES:
  Und sie ihm auch.  Das ist der Lauf der Welt.



  Ein Gartenhuschen

  Margarete springt herein, steckt sich hinter die Tr, hlt die Fingerspitze
  an die Lippen und guckt durch die Ritze.


  MARGARETE:
  Er kommt!

  FAUST (kommt):
  Ach, Schelm, so neckst du mich!  Treff ich dich!
  (Er kt sie.)

  MARGARETE (ihn fassend und den Ku zurckgebend):
  Bester Mann!  von Herzen lieb ich dich!
  (Mephistopheles klopft an.)

  FAUST (stampfend):
  Wer da?

  MEPHISTOPHELES:
  Gut Freund!

  FAUST:
  Ein Tier!

  MEPHISTOPHELES:
  Es ist wohl Zeit zu scheiden.

  MARTHE (kommt):
  Ja, es ist spt, mein Herr.

  FAUST:
  Darf ich Euch nicht geleiten?

  MARGARETE:
  Die Mutter wrde mich- Lebt wohl!

  FAUST:
  Mu ich denn gehn?  Lebt wohl!

  MARTHE:
  Ade!

  MARGARETE:
  Auf baldig Wiedersehn!
  (Faust und Mephistopheles ab.)

  MARGARETE:
  Du lieber Gott!  was so ein Mann
  Nicht alles, alles denken kann!
  Beschmt nur steh ich vor ihm da
  Und sag zu allen Sachen ja.
  Bin doch ein arm unwissend Kind,
  Begreife nicht, was er an mir findt.
  (Ab.)



  Wald und Hhle

  Faust allein.


  Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
  Warum ich bat.  Du hast mir nicht umsonst
  Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
  Gabst mir die herrliche Natur zum Knigreich,
  Kraft, sie zu fhlen, zu genieen.  Nicht
  Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
  Vergnnest mir, in ihre tiefe Brust
  Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
  Du fhrst die Reihe der Lebendigen
  Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brder
  Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
  Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
  Die Riesenfichte strzend Nachbarste
  Und Nachbarstmme quetschend niederstreift
  Und ihrem Fall dumpf hohl der Hgel donnert,
  Dann fhrst du mich zur sichern Hhle, zeigst
  Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
  Geheime tiefe Wunder ffnen sich.
  Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
  Besnftigend herber, schweben mir
  Von Felsenwnden, aus dem feuchten Busch
  Der Vorwelt silberne Gestalten auf
  Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

  O da dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
  Empfind ich nun.  Du gabst zu dieser Wonne,
  Die mich den Gttern nah und nher bringt,
  Mir den Gefhrten, den ich schon nicht mehr
  Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
  Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
  Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
  Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
  Nach jenem schnen Bild geschftig an.
  So tauml ich von Begierde zu Genu,
  Und im Genu verschmacht ich nach Begierde.
  (Mephistopheles tritt auf.)

  MEPHISTOPHELES:
  Habt Ihr nun bald das Leben gnug gefhrt?
  Wie kann's Euch in die Lnge freuen?
  Es ist wohl gut, da man's einmal probiert
  Dann aber wieder zu was Neuen!

  FAUST:
  Ich wollt, du httest mehr zu tun,
  Als mich am guten Tag zu plagen.

  MEPHISTOPHELES:
  Nun, nun!  ich la dich gerne ruhn,
  Du darfst mir's nicht im Ernste sagen.
  An dir Gesellen, unhold, barsch und toll,
  Ist wahrlich wenig zu verlieren.
  Den ganzen Tag hat man die Hnde voll!
  Was ihm gefllt und was man lassen soll,
  Kann man dem Herrn nie an der Nase spren.

  FAUST:
  Das ist so just der rechte Ton!
  Er will noch Dank, da er mich ennuyiert.

  MEPHISTOPHELES:
  Wie httst du, armer Erdensohn
  Dein Leben ohne mich gefhrt?
  Vom Kribskrabs der Imagination
  Hab ich dich doch auf Zeiten lang kuriert;
  Und wr ich nicht, so wrst du schon
  Von diesem Erdball abspaziert.
  Was hast du da in Hhlen, Felsenritzen
  Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
  Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein
  Wie eine Krte Nahrung ein?
  Ein schner, ser Zeitvertreib!
  Dir steckt der Doktor noch im Leib.

  FAUST:
  Verstehst du, was fr neue Lebenskraft
  Mir dieser Wandel in der de schafft?
  Ja, wrdest du es ahnen knnen,
  Du wrest Teufel gnug, mein Glck mir nicht zu gnnen.

  MEPHISTOPHELES:
  Ein berirdisches Vergngen.
  In Nacht und Tau auf den Gebirgen liegen
  Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
  Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
  Der Erde Mark mit Ahnungsdrang durchwhlen,
  Alle sechs Tagewerk im Busen fhlen,
  In stolzer Kraft ich wei nicht was genieen,
  Bald liebewonniglich in alles berflieen,
  Verschwunden ganz der Erdensohn,
  Und dann die hohe Intuition-
  (mit einer Gebrde)
  Ich darf nicht sagen, wie- zu schlieen.

  FAUST:
  Pfui ber dich!

  MEPHISTOPHELES:
  Das will Euch nicht behagen; Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen.
  Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
  Was keusche Herzen nicht entbehren knnen.
  Und kurz und gut, ich gnn Ihm das Vergngen,
  Gelegentlich sich etwas vorzulgen;
  Doch lange hlt Er das nicht aus.
  Du bist schon wieder abgetrieben
  Und, whrt es lnger, aufgerieben
  In Tollheit oder Angst und Graus.
  Genug damit!  Dein Liebchen sitzt dadrinne,
  Und alles wird ihr eng und trb.
  Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
  Sie hat dich bermchtig lieb.
  Erst kam deine Liebeswut bergeflossen,
  Wie vom geschmolznen Schnee ein Bchlein bersteigt;
  Du hast sie ihr ins Herz gegossen,
  Nun ist dein Bchlein wieder seicht.
  Mich dnkt, anstatt in Wldern zu thronen,
  Lie' es dem groen Herren gut,
  Das arme affenjunge Blut
  Fr seine Liebe zu belohnen.
  Die Zeit wird ihr erbrmlich lang;
  Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
  ber die alte Stadtmauer hin.
  "Wenn ich ein Vglein wr!"  so geht ihr Gesang
  Tage lang, halbe Nchte lang.
  Einmal ist sie munter, meist betrbt,
  Einmal recht ausgeweint,
  Dann wieder ruhig, wie's scheint,
  Und immer verliebt.

  FAUST:
  Schlange!  Schlange!

  MEPHISTOPHELES (fr sich):
  Gelt!  da ich dich fange!

  FAUST:
  Verruchter!  hebe dich von hinnen,
  Und nenne nicht das schne Weib!
  Bring die Begier zu ihrem sen Leib
  Nicht wieder vor die halb verrckten Sinnen!

  MEPHISTOPHELES:
  Was soll es denn?  Sie meint, du seist entflohn,
  Und halb und halb bist du es schon.

  FAUST:
  Ich bin ihr nah, und wr ich noch so fern,
  Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren
  Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
  Wenn ihre Lippen ihn indes berhren.

  MEPHISTOPHELES:
  Gar wohl, mein Freund!  Ich hab Euch oft beneidet
  Ums Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

  FAUST:
  Entfliehe, Kuppler!

  MEPHISTOPHELES:
  Schn!  Ihr schimpft, und ich mu lachen.  Der Gott, der Bub' und Mdchen
  schuf,
  Erkannte gleich den edelsten Beruf,
  Auch selbst Gelegenheit zu machen.
  Nur fort, es ist ein groer Jammer!
  Ihr sollt in Eures Liebchens Kammer,
  Nicht etwa in den Tod.

  FAUST:
  Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen?
  La mich an ihrer Brust erwarmen!
  Fhl ich nicht immer ihre Not?
  Bin ich der Flchtling nicht?  der Unbehauste?
  Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
  Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste,
  Begierig wtend nach dem Abgrund zu?
  Und seitwrts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
  Im Httchen auf dem kleinen Alpenfeld,
  Und all ihr husliches Beginnen
  Umfangen in der kleinen Welt.
  Und ich, der Gottverhate,
  Hatte nicht genug,
  Da ich die Felsen fate
  Und sie zu Trmmern schlug!
  Sie, ihren Frieden mut ich untergraben!
  Du, Hlle, mutest dieses Opfer haben.
  Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkrzen.
  Was mu geschehn, mag's gleich geschehn!
  Mag ihr Geschick auf mich zusammenstrzen
  Und sie mit mir zugrunde gehn!

  MEPHISTOPHELES:
  Wie's wieder siedet, wieder glht!
  Geh ein und trste sie, du Tor!
  Wo so ein Kpfchen keinen Ausgang sieht,
  Stellt er sich gleich das Ende vor.
  Es lebe, wer sich tapfer hlt!
  Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
  Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt
  Als einen Teufel, der verzweifelt.



  Gretchens Stube.

  Gretchen (am Spinnrad, allein).


  GRETCHEN:
  Meine Ruh ist hin,
  Mein Herz ist schwer;
  Ich finde sie nimmer
  und nimmermehr.

  Wo ich ihn nicht hab,
  Ist mir das Grab,
  Die ganze Welt
  Ist mir vergllt.

  Mein armer Kopf
  Ist mir verrckt,
  Meiner armer Sinn
  Ist mir zerstckt.

  Meine Ruh ist hin,
  Mein Herz ist schwer,
  Ich finde sie nimmer
  und nimmermehr.

  Nach ihm nur schau ich
  Zum Fenster hinaus,
  Nach ihm nur geh ich
  Aus dem Haus.

  Sein hoher Gang,
  Sein edle Gestalt,
  Seines Mundes Lcheln,
  Seiner Augen Gewalt,

  Und seiner Rede
  Zauberflu,
  Sein Hndedruck,
  Und ach!  sein Ku!

  Meine Ruh ist hin,
  Mein Herz ist schwer,
  Ich finde sie nimmer
  und nimmermehr.

  Mein Busen drngt
  Sich nach ihm hin,
  Ach drft ich fassen
  Und halten ihn,

  Und kssen ihn,
  So wie ich wollt,
  An seinen Kssen
  Vergehen sollt!



  Marthens Garten

  Margarete.  Faust.


  MARGARETE:
  Versprich mir, Heinrich!

  FAUST:
  Was ich kann!

  MARGARETE:
  Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
  Du bist ein herzlich guter Mann,
  Allein ich glaub, du hltst nicht viel davon.

  FAUST:
  La das, mein Kind!  Du fhlst, ich bin dir gut;
  Fr meine Lieben lie' ich Leib und Blut,
  Will niemand sein Gefhl und seine Kirche rauben.

  MARGARETE:
  Das ist nicht recht, man mu dran glauben.

  FAUST:
  Mu man?

  MARGARETE:
  Ach!  wenn ich etwas auf dich konnte!  Du ehrst auch nicht die heil'gen
  Sakramente.

  FAUST:
  Ich ehre sie.

  MARGARETE:
  Doch ohne Verlangen.  Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
  Glaubst du an Gott?

  FAUST:
  Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott?
  Magst Priester oder Weise fragen,
  Und ihre Antwort scheint nur Spott
  ber den Frager zu sein.

  MARGARETE:
  So glaubst du nicht?

  FAUST:
  Mihr mich nicht, du holdes Angesicht!
  Wer darf ihn nennen?
  Und wer bekennen:
  "Ich glaub ihn!"?
  Wer empfinden,
  Und sich unterwinden
  Zu sagen: "Ich glaub ihn nicht!"?
  Der Allumfasser,
  Der Allerhalter,
  Fat und erhlt er nicht
  Dich, mich, sich selbst?
  Wlbt sich der Himmel nicht da droben?
  Liegt die Erde nicht hier unten fest?
  Und steigen freundlich blickend
  Ewige Sterne nicht herauf?
  Schau ich nicht Aug in Auge dir,
  Und drngt nicht alles
  Nach Haupt und Herzen dir,
  Und webt in ewigem Geheimnis
  Unsichtbar sichtbar neben dir?
  Erfll davon dein Herz, so gro es ist,
  Und wenn du ganz in dem Gefhle selig bist,
  Nenn es dann, wie du willst,
  Nenn's Glck!  Herz!  Liebe!  Gott
  Ich habe keinen Namen
  Dafr!  Gefhl ist alles;
  Name ist Schall und Rauch,
  Umnebelnd Himmelsglut.

  MARGARETE:
  Das ist alles recht schn und gut;
  Ungefhr sagt das der Pfarrer auch,
  Nur mit ein bichen andern Worten.

  FAUST:
  Es sagen's allerorten
  Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
  Jedes in seiner Sprache;
  Warum nicht ich in der meinen?

  MARGARETE:
  Wenn man's so hrt, mcht's leidlich scheinen,
  Steht aber doch immer schief darum;
  Denn du hast kein Christentum.

  FAUST:
  Liebs Kind!

  MARGARETE:
  Es tut mir lange schon weh, Da ich dich in der Gesellschaft seh.

  FAUST:
  Wieso?

  MARGARETE:
  Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhat;
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht.

  FAUST:
  Liebe Puppe, frcht ihn nicht!

  MARGARETE:
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
  Ich bin sonst allen Menschen gut;
  Aber wie ich mich sehne, dich zu schauen,
  Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
  Und halt ihn fr einen Schelm dazu!
  Gott verzeih mir's, wenn ich ihm unrecht tu!

  FAUST:
  Es mu auch solche Kuze geben.

  MARGARETE:
  Wollte nicht mit seinesgleichen leben!
  Kommt er einmal zur Tr herein,
  Sieht er immer so spttisch drein
  Und halb ergrimmt;
  Man sieht, da er an nichts keinen Anteil nimmt;
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  Da er nicht mag eine Seele lieben.
  Mir wird's so wohl in deinem Arm,
  So frei, so hingegeben warm,
  Und seine Gegenwart schnrt mir das Innre zu.

  FAUST:
  Du ahnungsvoller Engel du!

  MARGARETE:
  Das bermannt mich so sehr,
  Da, wo er nur mag zu uns treten,
  Mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
  Auch, wenn er da ist, knnt ich nimmer beten,
  Und das frit mir ins Herz hinein;
  Dir, Heinrich, mu es auch so sein.

  FAUST:
  Du hast nun die Antipathie!

  MARGARETE:
  Ich mu nun fort.

  FAUST:
  Ach kann ich nie Ein Stndchen ruhig dir am Busen hngen
  Und Brust an Brust und Seel in Seele drngen?

  MARGARETE:
  Ach wenn ich nur alleine schlief!
  Ich lie dir gern heut nacht den Riegel offen;
  Doch meine Mutter schlft nicht tief,
  Und wrden wir von ihr betroffen,
  Ich wr gleich auf der Stelle tot!

  FAUST:
  Du Engel, das hat keine Not.
  Hier ist ein Flschchen!
  Drei Tropfen nur In ihren Trank umhllen
  Mit tiefem Schlaf gefllig die Natur.

  MARGARETE:
  Was tu ich nicht um deinetwillen?
  Es wird ihr hoffentlich nicht schaden!

  FAUST:
  Wrd ich sonst, Liebchen, dir es raten?

  MARGARETE:
  Seh ich dich, bester Mann, nur an,
  Wei nicht, was mich nach deinem Willen treibt,
  Ich habe schon so viel fr dich getan,
  Da mir zu tun fast nichts mehr brigbleibt.
  (Ab.)

  (Mephistopheles tritt auf.)

  MEPHISTOPHELES:
  Der Grasaff!  ist er weg?

  FAUST:
  Hast wieder spioniert?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich hab's ausfhrlich wohl vernommen,
  Herr Doktor wurden da katechisiert;
  Hoff, es soll Ihnen wohl bekommen.
  Die Mdels sind doch sehr interessiert,
  Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.
  Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.

  FAUST:
  Du Ungeheuer siehst nicht ein,
  Wie diese treue liebe Seele
  Von ihrem Glauben voll,
  Der ganz allein
  Ihr seligmachend ist, sich heilig qule,
  Da sie den liebsten Mann verloren halten soll.

  MEPHISTOPHELES:
  Du bersinnlicher sinnlicher Freier,
  Ein Mgdelein nasfhret dich.

  FAUST:
  Du Spottgeburt von Dreck und Feuer!

  MEPHISTOPHELES:
  Und die Physiognomie versteht sie meisterlich:
  In meiner Gegenwart wird's ihr, sie wei nicht wie,
  Mein Mskchen da weissagt verborgnen Sinn;
  Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
  Vielleicht wohl gar der Teufel bin.
  Nun, heute nacht-?

  FAUST:
  Was geht dich's an?

  MEPHISTOPHELES:
  Hab ich doch meine Freude dran!



  Am Brunnen

  Gretchen und Lieschen mit Krgen.


  LIESCHEN:
  Hast nichts von Brbelchen gehrt?

  GRETCHEN:
  Kein Wort.  Ich komm gar wenig unter Leute.

  LIESCHEN:
  Gewi, Sibylle sagt' mir's heute:
  Die hat sich endlich auch betrt.
  Das ist das Vornehmtun!

  GRETCHEN:
  Wieso?

  LIESCHEN:
  Es stinkt!  Sie fttert zwei, wenn sie nun it und trinkt.

  GRETCHEN:
  Ach!

  LIESCHEN:
  So ist's ihr endlich recht ergangen.
  Wie lange hat sie an dem Kerl gehangen!
  Das war ein Spazieren,
  Auf Dorf und Tanzplatz Fhren,
  Mut berall die Erste sein,
  Kurtesiert ihr immer mit Pastetchen und Wein;
  Bildt sich was auf ihre Schnheit ein,
  War doch so ehrlos, sich nicht zu schmen,
  Geschenke von ihm anzunehmen.
  War ein Gekos und ein Geschleck;
  Da ist denn auch das Blmchen weg!

  GRETCHEN:
  Das arme Ding!

  LIESCHEN:
  Bedauerst sie noch gar!  Wenn unsereins am Spinnen war,
  Uns nachts die Mutter nicht hinunterlie,
  Stand sie bei ihrem Buhlen s;
  Auf der Trbank und im dunkeln Gang
  Ward ihnen keine Stunde zu lang.
  Da mag sie denn sich ducken nun,
  Im Snderhemdchen Kirchbu tun!

  GRETCHEN:
  Er nimmt sie gewi zu seiner Frau.

  LIESCHEN:
  Er wr ein Narr!  Ein flinker Jung
  Hat anderwrts noch Luft genung.
  Er ist auch fort.

  GRETCHEN:
  Das ist nicht schn!

  LIESCHEN:
  Kriegt sie ihn, soll's ihr bel gehn,
  Das Krnzel reien die Buben ihr,
  Und Hckerling streuen wir vor die Tr!
  (Ab.)

  GRETCHEN: (nach Hause gehend):
  Wie konnt ich sonst so tapfer schmlen,
  Wenn tt ein armes Mgdlein fehlen!
  Wie konnt ich ber andrer Snden
  Nicht Worte gnug der Zunge finden!
  Wie schien mir's schwarz, und schwrzt's noch gar,
  Mir's immer doch nicht schwarz gnug war,
  Und segnet mich und tat so gro,
  Und bin nun selbst der Snde blo!
  Doch- alles, was dazu mich trieb,
  Gott!  war so gut!  ach, war so lieb!



  Zwinger

  In der Mauerhhle ein Andachtsbild der Mater dolorosa, Blumenkruge davor.
  Gretchen steckt frische Blumen in die Kruge.


  Ach neige,
  Du Schmerzenreiche,
  Dein Antlitz gndig meiner Not!

  Das Schwert im Herzen,
  Mit tausend Schmerzen
  Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

  Zum Vater blickst du,
  Und Seufzer schickst du
  Hinauf um sein' und deine Not.

  Wer fhlet,
  Wie whlet
  Der Schmerz mir im Gebein?
  Was mein armes Herz hier banget,
  Was es zittert, was verlanget,
  Weit nur du, nur du allein!

  Wohin ich immer gehe
  Wie weh, wie weh, wie wehe
  Wird mir im Busen hier!
  Ich bin, ach!  kaum alleine,
  Ich wein, ich wein, ich weine,
  Das Herz zerbricht in mir.

  Die Scherben vor meinem Fenster
  Betaut ich mit Trnen, ach!
  Als ich am frhen Morgen
  Dir diese Blumen brach.

  Schien hell in meine Kammer
  Die Sonne frh herauf,
  Sa ich in allem Jammer
  In meinem Bett schon auf.

  Hilf!  rette mich von Schmach und Tod!
  Ach neige,
  Du Schmerzenreiche,
  Dein Antlitz gndig meiner Not!



  Nacht.  Strae vor Gretchens Tre

  Valentin, Soldat, Gretchens Bruder.


  Wenn ich so sa bei einem Gelag,
  Wo mancher sich berhmen mag,
  Und die Gesellen mir den Flor
  Der Mgdlein laut gepriesen vor,
  Mit vollem Glas das Lob verschwemmt,
  Den Ellenbogen aufgestemmt,
  Sa ich in meiner sichern Ruh,
  Hrt all dem Schwadronieren zu
  Und streiche lchelnd meinen Bart
  Und kriege das volle Glas zur Hand
  Und sage: "Alles nach seiner Art!
  Aber ist eine im ganzen Land,
  Die meiner trauten Gretel gleicht,
  Die meiner Schwester das Wasser reicht?"
  Topp!  Topp!  Kling!  Klang!  das ging herum;
  Die einen schrieen: "Er hat recht,
  Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht."
  Da saen alle die Lober stumm.
  Und nun!- um's Haar sich auszuraufen
  Und an den Wnden hinaufzulaufen!-
  Mit Stichelreden, Nasermpfen
  Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
  Soll wie ein bser Schuldner sitzen
  Bei jedem Zufallswrtchen schwitzen!
  Und mcht ich sie zusammenschmeien
  Knnt ich sie doch nicht Lgner heien.

  Was kommt heran?  Was schleicht herbei?
  Irr ich nicht, es sind ihrer zwei.
  Ist er's, gleich pack ich ihn beim Felle
  Soll nicht lebendig von der Stelle!


  Faust.  Mephistopheles.

  FAUST:
  Wie von dem Fenster dort der Sakristei
  Aufwrts der Schein des Ew'gen Lmpchens flmmert
  Und schwach und schwcher seitwrts dmmert,
  Und Finsternis drngt ringsum bei!
  So sieht's in meinem Busen nchtig.

  MEPHISTOPHELES:
  Und mir ist's wie dem Ktzlein schmchtig,
  Das an den Feuerleitern schleicht,
  Sich leis dann um die Mauern streicht;
  Mir ist's ganz tugendlich dabei,
  Ein bichen Diebsgelst, ein bichen Rammelei.
  So spukt mir schon durch alle Glieder
  Die herrliche Walpurgisnacht.
  Die kommt uns bermorgen wieder,
  Da wei man doch, warum man wacht.

  FAUST:
  Rckt wohl der Schatz indessen in die Hh,
  Den ich dort hinten flimmern seh?

  MEPHISTOPHELES:
  Du kannst die Freude bald erleben,
  Das Kesselchen herauszuheben.
  Ich schielte neulich so hinein,
  Sind herrliche Lwentaler drein.

  FAUST:
  Nicht ein Geschmeide, nicht ein Ring,
  Meine liebe Buhle damit zu zieren?

  MEPHISTOPHELES:
  Ich sah dabei wohl so ein Ding,
  Als wie eine Art von Perlenschnren.

  FAUST:
  So ist es recht!  Mir tut es weh,
  Wenn ich ohne Geschenke zu ihr geh.

  MEPHISTOPHELES:
  Es sollt Euch eben nicht verdrieen,
  Umsonst auch etwas zu genieen.
  Jetzt, da der Himmel voller Sterne glht,
  Sollt Ihr ein wahres Kunststck hren:
  Ich sing ihr ein moralisch Lied,
  Um sie gewisser zu betren.  (Singt zur Zither.) Was machst du mir
  Vor Liebchens Tr,
  Kathrinchen, hier
  Bei frhem Tagesblicke?
  La, la es sein!
  Er lt dich ein
  Als Mdchen ein,
  Als Mdchen nicht zurcke.

  Nehmt euch in acht!
  Ist es vollbracht,
  Dann gute Nacht'
  Ihr armen, armen Dinger!
  Habt ihr euch lieb,
  Tut keinem Dieb
  Nur nichts zulieb
  Als mit dem Ring am Finger.

  VALENTIN (tritt vor):
  Wen lockst du hier?  beim Element!
  Vermaledeiter Rattenfnger!
  Zum Teufel erst das Instrument!
  Zum Teufel hinterdrein den Snger!

  MEPHISTOPHELES:
  Die Zither ist entzwei!  an der ist nichts zu halten.

  VALENTIN:
  Nun soll es an ein Schdelspalten!

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Herr Doktor, nicht gewichen!  Frisch!
  Hart an mich an, wie ich Euch fhre.
  Heraus mit Eurem Flederwisch!
  Nur zugestoen!  ich pariere.

  VALENTIN:
  Pariere den!

  MEPHISTOPHELES:
  Warum denn nicht?

  VALENTIN:
  Auch den!

  MEPHISTOPHELES:
  Gewi!

  VALENTIN:
  Ich glaub, der Teufel ficht!  Was ist denn das?  Schon wird die Hand mir
  lahm.

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Sto zu!

  VALENTIN (fllt):
  O weh!

  MEPHISTOPHELES:
  Nun ist der Lmmel zahm!  Nun aber fort!  Wir mssen gleich verschwinden
  Denn schon entsteht ein mrderlich Geschrei.
  Ich wei mich trefflich mit der Polizei,
  Doch mit dem Blutbann schlecht mich abzufinden.

  MARTHE (am Fenster):
  Heraus!  Heraus!

  GRETCHEN (am Fenster):
  Herbei ein Licht!

  MARTHE (wie oben):
  Man schilt und rauft, man schreit und ficht.

  VOLK:
  Da liegt schon einer tot!

  MARTHE (heraustretend):
  Die Mrder, sind sie denn entflohn?

  GRETCHEN (heraustretend):
  Wer liegt hier?

  VOLK:
  Deiner Mutter Sohn.

  GRETCHEN:
  Allmchtiger!  welche Not!

  VALENTIN:
  Ich sterbe!  das ist bald gesagt
  Und balder noch getan.
  Was steht ihr Weiber, heult und klagt?
  Kommt her und hrt mich an!
  (Alle treten um ihn.)
  Mein Gretchen, sieh!  du bist noch jung,
  Bist gar noch nicht gescheit genung,
  Machst deine Sachen schlecht.
  Ich sag dir's im Vertrauen nur:
  Du bist doch nun einmal eine Hur,
  So sei's auch eben recht!

  GRETCHEN:
  Mein Bruder!  Gott!  Was soll mir das?

  VALENTIN:
  La unsern Herrgott aus dem Spa!
  Geschehn ist leider nun geschehn
  Und wie es gehn kann, so wird's gehn.
  Du fingst mit einem heimlich an
  Bald kommen ihrer mehre dran,
  Und wenn dich erst ein Dutzend hat,
  So hat dich auch die ganze Stadt.

  Wenn erst die Schande wird geboren,
  Wird sie heimlich zur Welt gebracht,
  Und man zieht den Schleier der Nacht
  Ihr ber Kopf und Ohren;
  Ja, man mchte sie gern ermorden.
  Wchst sie aber und macht sich gro,
  Dann geht sie auch bei Tage blo
  Und ist doch nicht schner geworden.
  Je hlicher wird ihr Gesicht,
  Je mehr sucht sie des Tages Licht.

  Ich seh wahrhaftig schon die Zeit,
  Da alle brave Brgersleut,
  Wie von einer angesteckten Leichen,
  Von dir, du Metze!  seitab weichen.
  Dir soll das Herz im Leib verzagen,
  Wenn sie dir in die Augen sehn!
  Sollst keine goldne Kette mehr tragen!
  In der Kirche nicht mehr am Altar stehn!
  In einem schnen Spitzenkragen
  Dich nicht beim Tanze wohlbehagen!
  In eine finstre Jammerecken
  Unter Bettler und Krppel dich verstecken,
  Und, wenn dir dann auch Gott verzeiht,
  Auf Erden sein vermaledeit!

  MARTHE:
  Befehlt Eure Seele Gott zu Gnaden!
  Wollt Ihr noch Lstrung auf Euch laden?

  VALENTIN:
  Knnt ich dir nur an den drren Leib,
  Du schndlich kupplerisches Weib!
  Da hofft ich aller meiner Snden
  Vergebung reiche Ma zu finden.

  GRETCHEN:
  Mein Bruder!  Welche Hllenpein!

  VALENTIN:
  Ich sage, la die Trnen sein!
  Da du dich sprachst der Ehre los,
  Gabst mir den schwersten Herzenssto.
  Ich gehe durch den Todesschlaf
  Zu Gott ein als Soldat und brav.
  (Stirbt.)



  Dom

  Amt, Orgel und Gesang.  Gretchen unter vielem Volke.  Bser Geist hinter
  Gretchen.


  BSER GEIST:
  Wie anders, Gretchen, war dir's,
  Als du noch voll Unschuld
  Hier zum Altar tratst
  Aus dem vergriffnen Bchelchen
  Gebete lalltest,
  Halb Kinderspiele,
  Halb Gott im Herzen!
  Gretchen!
  Wo steht dein Kopf?
  In deinem Herzen
  Welche Missetat?
  Betst du fr deiner Mutter Seele, die
  Durch dich zur langen, langen Pein hinberschlief?
  Auf deiner Schwelle wessen Blut?
  - Und unter deinem Herzen
  Regt sich's nicht quillend schon
  Und ngstet dich und sich
  Mit ahnungsvoller Gegenwart?

  GRETCHEN:
  Weh!  Weh!
  Wr ich der Gedanken los,
  Die mir herber und hinber gehen
  Wider mich!

  CHOR:
  Dies irae, dies illa
  Solvet saeclum in favilla.
  (Orgelton.)

  BSER GEIST:
  Grimm fat dich!
  Die Posaune tnt!
  Die Grber beben!
  Und dein Herz,
  Aus Aschenruh
  Zu Flammenqualen
  Wieder aufgeschaffen,
  Bebt auf!

  GRETCHEN:
  Wr ich hier weg!
  Mir ist, als ob die Orgel mir
  Den Atem versetzte,
  Gesang mein Herz
  Im Tiefsten lste.

  CHOR:
  Judex ergo cum sedebit,
  Quidquid latet adparebit,
  Nil inultum remanebit.

  GRETCHEN:
  Mir wird so eng!
  Die Mauernpfeiler
  Befangen mich!
  Das Gewlbe
  Drngt mich!- Luft!

  BSER GEIST:
  Verbirg dich!  Snd und Schande
  Bleibt nicht verborgen.
  Luft?  Licht?
  Weh dir!

  CHOR:
  Quid sum miser tunc dicturus?
  Quem patronum rogaturus?
  Cum vix justus sit securus.

  BSER GEIST:
  Ihr Antlitz wenden
  Verklrte von dir ab.
  Die Hnde dir zu reichen,
  Schauert's den Reinen.
  Weh!

  CHOR:
  Quid sum miser tunc dicturus?
  GRETCHEN:
  Nachbarin!  Euer Flschchen!
  (Sie fllt in Ohnmacht.)



  Walpurgisnacht

  Harzgebirg Gegend von Schierke und Elend

  Faust.  Mephistopheles.


  MEPHISTOPHELES:
  Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wnschte mir den allerderbsten Bock.
  Auf diesem Weg sind wir noch weit vom Ziele.

  FAUST:
  Solang ich mich noch frisch auf meinen Beinen fhle,
  Gengt mir dieser Knotenstock.
  Was hilft's, da man den Weg verkrzt!-
  Im Labyrinth der Tler hinzuschleichen,
  Dann diesen Felsen zu ersteigen,
  Von dem der Quell sich ewig sprudelnd strzt,
  Das ist die Lust, die solche Pfade wrzt!
  Der Frhling webt schon in den Birken,
  Und selbst die Fichte fhlt ihn schon;
  Sollt er nicht auch auf unsre Glieder wirken?

  MEPHISTOPHELES:
  Frwahr, ich spre nichts davon!
  Mir ist es winterlich im Leibe,
  Ich wnschte Schnee und Frost auf meiner Bahn.
  Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe
  Des roten Monds mit spter Glut heran
  Und leuchtet schlecht, da man bei jedem Schritte
  Vor einen Baum, vor einen Felsen rennt!
  Erlaub, da ich ein Irrlicht bitte!
  Dort seh ich eins, das eben lustig brennt.
  Heda!  mein Freund!  darf ich dich zu uns fodern?
  Was willst du so vergebens lodern?
  Sei doch so gut und leucht uns da hinauf!

  IRRLICHT:
  Aus Ehrfurcht, hoff ich, soll es mir gelingen,
  Mein leichtes Naturell zu zwingen;
  Nur zickzack geht gewhnlich unser Lauf.

  MEPHISTOPHELES:
  Ei!  Ei!  Er denkt's den Menschen nachzuahmen.
  Geh Er nur grad, in 's Teufels Namen!
  Sonst blas ich ihm sein Flackerleben aus.

  IRRLICHT:
  Ich merke wohl, Ihr seid der Herr vom Haus,
  Und will mich gern nach Euch bequemen.
  Allein bedenkt!  der Berg ist heute zaubertoll
  Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll
  So mt Ihr's so genau nicht nehmen.
  FAUST, MEPHISTOPHELES, IRRLICHT (im Wechselgesang):
  In die Traum- und Zaubersphre
  Sind wir, scheint es, eingegangen.
  Fhr uns gut und mach dir Ehre
  Da wir vorwrts bald gelangen
  In den weiten, den Rumen!
  Seh die Bume hinter Bumen,
  Wie sie schnell vorberrcken,
  Und die Klippen, die sich bcken,
  Und die langen Felsennasen,
  Wie sie schnarchen, wie sie blasen!

  Durch die Steine, durch den Rasen
  Eilet Bach und Bchlein nieder.
  Hr ich Rauschen?  hr ich Lieder?
  Hr ich holde Liebesklage,
  Stimmen jener Himmelstage?
  Was wir hoffen, was wir lieben!
  Und das Echo, wie die Sage
  Alter Zeiten, hallet wider.

  "Uhu!  Schuhu!"  tnt es nher,
  Kauz und Kiebitz und der Hher,
  Sind sie alle wach geblieben?
  Sind das Molche durchs Gestruche?
  Lange Beine, dicke Buche!
  Und die Wurzeln, wie die Schlangen,
  Winden sich aus Fels und Sande,
  Strecken wunderliche Bande,
  Uns zu schrecken, uns zu fangen;
  Aus belebten derben Masern
  Strecken sie Polypenfasern
  Nach dem Wandrer.  Und die Muse
  Tausendfrbig, scharenweise,
  Durch das Moos und durch die Heide!
  Und die Funkenwrmer fliegen
  Mit gedrngten Schwrmezgen
  Zum verwirrenden Geleite.

  Aber sag mir, ob wir stehen
  Oder ob wir weitergehen?
  Alles, alles scheint zu drehen,
  Fels und Bume, die Gesichter
  Schneiden, und die irren Lichter,
  Die sich mehren, die sich blhen.
  MEPHISTOPHELES:
  Fasse wacker meinen Zipfel!
  Hier ist so ein Mittelgipfel
  Wo man mit Erstaunen sieht,
  Wie im Berg der Mammon glht.

  FAUST:
  Wie seltsam glimmert durch die Grnde
  Ein morgenrtlich trber Schein!
  Und selbst bis in die tiefen Schlnde
  Des Abgrunds wittert er hinein.
  Da steigt ein Dampf, dort ziehen Schwaden,
  Hier leuchtet Glut aus Dunst und Flor
  Dann schleicht sie wie ein zarter Faden
  Dann bricht sie wie ein Quell hervor.
  Hier schlingt sie eine ganze Strecke
  Mit hundert Adern sich durchs Tal,
  Und hier in der gedrngten Ecke
  Vereinzelt sie sich auf einmal.
  Da sprhen Funken in der Nhe
  Wie ausgestreuter goldner Sand.
  Doch schau!  in ihrer ganzen Hhe
  Entzndet sich die Felsenwand.

  MEPHISTOPHELES:
  Erleuchtet nicht zu diesem Feste
  Herr Mammon prchtig den Palast?
  Ein Glck, da du's gesehen hast,
  Ich spre schon die ungestmen Gste.

  FAUST:
  Wie rast die Windsbraut durch die Luft!
  Mit welchen Schlgen trifft sie meinen Nacken!

  MEPHISTOPHELES:
  Du mut des Felsens alte Rippen packen
  Sonst strzt sie dich hinab in dieser Schlnde Gruft.
  Ein Nebel verdichtet die Nacht.
  Hre, wie's durch die Wlder kracht!
  Aufgescheucht fliegen die Eulen.
  Hr, es splittern die Sulen
  Ewig grner Palste.
  Girren und Brechen der Aste!
  Der Stmme mchtiges Drhnen!
  Der Wurzeln Knarren und Ghnen!
  Im frchterlich verworrenen Falle
  bereinander krachen sie alle
  Und durch die bertrmmerten Klfte
  Zischen und heulen die Lfte.
  Hrst du Stimmen in der Hhe?
  In der Ferne, in der Nhe?
  Ja, den ganzen Berg entlang
  Strmt ein wtender Zaubergesang!

  HEXEN (im Chor):
  Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
  Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grn.
  Dort sammelt sich der groe Hauf,
  Herr Urian sitzt oben auf.
  So geht es ber Stein und Stock,
  Es farzt die Hexe, es stinkt der Bock.

  STIMME:
  Die alte Baubo kommt allein,
  Sie reitet auf einem Mutterschwein.

  CHOR:
  So Ehre denn, wem Ehre gebhrt!
  Frau Baubo vor!  und angefhrt!
  Ein tchtig Schwein und Mutter drauf,
  Da folgt der ganze Hexenhauf.

  STIMME:
  Welchen Weg kommst du her?

  STIMME:
  bern Ilsenstein!  Da guckt ich der Eule ins Nest hinein,
  Die macht ein Paar Augen!

  STIMME:
  O fahre zur Hlle!  Was reitst du so schnelle!

  STIMME:
  Mich hat sie geschunden,
  Da sieh nur die Wunden!

  HEXEN, CHOR:
  Der Weg ist breit, der Weg ist lang,
  Was ist das fr ein toller Drang?
  Die Gabel sticht, der Besen kratzt,
  Das Kind erstickt, die Mutter platzt.

  HEXENMEISTER, HALBER CHOR:
  Wir schleichen wie die Schneck im Haus,
  Die Weiber alle sind voraus.
  Denn, geht es zu des Bsen Haus,
  Das Weib hat tausend Schritt voraus.

  ANDERE HLFTE:
  Wir nehmen das nicht so genau,
  Mit tausend Schritten macht's die Frau;
  Doch wie sie sich auch eilen kann,
  Mit einem Sprunge macht's der Mann.

  STIMME (oben):
  Kommt mit, kommt mit, vom Felsensee!

  STIMMEN (von unten):
  Wir mchten gerne mit in die Hh.
  Wir waschen, und blank sind wir ganz und gar;
  Aber auch ewig unfruchtbar.

  BEIDE CHRE:
  Es schweigt der Wind, es flieht der Stern,
  Der trbe Mond verbirgt sich gern.
  Im Sausen sprht das Zauberchor
  Viel tausend Feuerfunken hervor.

  STIMME (von unten):
  Halte!  Haltet

  STIMME (oben):
  Wer ruft da aus der Felsenspalte?

  STIMME (von unten):
  Nehmt mich mit!  Nehmt mich mit!
  Ich steige schon dreihundert Jahr,
  Und kann den Gipfel nicht erreichen
  Ich wre gern bei meinesgleichen.

  BEIDE CHRE:
  Es trgt der Besen, trgt der Stock
  Die Gabel trgt, es trgt der Bock
  Wer heute sich nicht heben kann
  Ist ewig ein verlorner Mann.

  HALBHEXE (unten):
  Ich tripple nach, so lange Zeit;
  Wie sind die andern schon so weit!
  Ich hab zu Hause keine Ruh
  Und komme hier doch nicht dazu.

  CHOR DER HEXEN:
  Die Salbe gibt den Hexen Mut,
  Ein Lumpen ist zum Segel gut
  Ein gutes Schiff ist jeder Trog
  Der flieget nie, der heut nicht flog.

  BEIDE CHRE:
  Und wenn wir um den Gipfel ziehn,
  So streichet an dem Boden hin
  Und deckt die Heide weit und breit
  Mit eurem Schwarm der Hexenheit
  (Sie lassen sich nieder.)

  MEPHISTOPHELES:
  Das drngt und stt, das ruscht und klappert!
  Das zischt und quirlt, das zieht und plappert!
  Das leuchtet, sprht und stinkt und brennt!
  Ein wahres Hexenelement!
  Nur fest an mir!  sonst sind wir gleich getrennt.
  Wo bist du?

  FAUST (in der Ferne):
  Hier!

  MEPHISTOPHELES:
  Was!  dort schon hingerissen?  Da werd ich Hausrecht brauchen mssen.
  Platz!  Junker Voland kommt.  Platz!  ser Pbel, Platz!
  Hier, Doktor, fasse mich!  und nun in einem Satz
  La uns aus dem Gedrng entweichen;
  Es ist zu toll, sogar fr meinesgleichen.
  Dortneben leuchtet was mit ganz besondrem Schein,
  Es zieht mich was nach jenen Struchen.
  Komm, komm!  wir schlupfen da hinein.

  FAUST:
  Du Geist des Widerspruchs!  Nur zu!  du magst mich fhren.
  Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
  Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
  Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.

  MEPHISTOPHELES:
  Da sieh nur, welche bunten Flammen!
  Es ist ein muntrer Klub beisammen.
  Im Kleinen ist man nicht allein.

  FAUST:
  Doch droben mcht ich lieber sein!
  Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
  Dort strmt die Menge zu dem Bsen;
  Da mu sich manches Rtsel lsen.

  MEPHISTOPHELES:
  Doch manches Rtsel knpft sich auch.
  La du die groe Welt nur sausen,
  Wir wollen hier im stillen hausen.
  Es ist doch lange hergebracht,
  Da in der groen Welt man kleine Welten macht.
  Da seh ich junge Hexchen, nackt und blo,
  Und alte, die sich klug verhllen.
  Seid freundlich, nur um meinetwillen;
  Die Mh ist klein, der Spa ist gro.
  Ich hre was von Instrumenten tnen!
  Verflucht Geschnarr!  Man mu sich dran gewohnen.
  Komm mit!  Komm mit!  Es kann nicht anders sein,
  Ich tret heran und fhre dich herein,
  Und ich verbinde dich aufs neue.
  Was sagst du, Freund?  das ist kein kleiner Raum.
  Da sieh nur hin!  du siehst das Ende kaum.
  Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
  Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
  Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?

  FAUST:
  Willst du dich nun, um uns hier einzufhren,
  Als Zaubrer oder Teufel produzieren?

  MEPHISTOPHELES:
  Zwar bin ich sehr gewohnt, inkognito zu gehn,
  Doch lt am Galatag man seinen Orden sehn.
  Ein Knieband zeichnet mich nicht aus,
  Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus.
  Siehst du die Schnecke da?  sie kommt herangekrochen;
  Mit ihrem tastenden Gesicht
  Hat sie mir schon was abgerochen.
  Wenn ich auch will, verleugn ich hier mich nicht.
  Komm nur!  von Feuer gehen wir zu Feuer,
  Ich bin der Werber, und du bist der Freier.
  (Zu einigen, die um verglimmende Kohlen sitzen:)
  Ihr alten Herrn, was macht ihr hier am Ende?
  Ich lobt euch, wenn ich euch hbsch in der Mitte fnde,
  Von Saus umzirkt und Jugendbraus;
  Genug allein ist jeder ja zu Haus.

  GENERAL:
  Wer mag auf Nationen trauen!
  Man habe noch so viel fr sie getan;
  Denn bei dem Volk wie bei den Frauen
  Steht immerfort die Jugend oben an.

  MINISTER:
  Jetzt ist man von dem Rechten allzu weit,
  Ich lobe mir die guten Alten;
  Denn freilich, da wir alles galten,
  Da war die rechte goldne Zeit.

  PARVEN:
  Wir waren wahrlich auch nicht dumm
  Und taten oft, was wir nicht sollten;
  Doch jetzo kehrt sich alles um und um,
  Und eben da wir's fest erhalten wollten.

  AUTOR:
  Wer mag wohl berhaupt jetzt eine Schrift
  Von mig klugem Inhalt lesen!
  Und was das liebe junge Volk betrifft,
  Das ist noch nie so naseweis gewesen.

  MEPHISTOPHELES (der auf einmal sehr alt erscheint):
  Zum Jngsten Tag fhl ich das Volk gereift,
  Da ich zum letztenmal den Hexenberg ersteige,
  Und weil mein Fchen trbe luft,
  So ist die Welt auch auf der Neige.

  TRDELHEXE:
  Ihr Herren, geht nicht so vorbei!
  Lat die Gelegenheit nicht fahren!
  Aufmerksam blickt nach meinen Waren,
  Es steht dahier gar mancherlei.
  Und doch ist nichts in meinem Laden,
  Dem keiner auf der Erde gleicht,
  Das nicht einmal zum tcht'gen Schaden
  Der Menschen und der Welt gereicht.
  Kein Dolch ist hier, von dem nicht Blut geflossen,
  Kein Kelch, aus dem sich nicht in ganz gesunden Leib
  Verzehrend heies Gift ergossen,
  Kein Schmuck, der nicht ein liebenswrdig Weib
  Verfhrt, kein Schwert, das nicht den Bund gebrochen,
  Nicht etwa hinterrcks den Gegenmann durchstochen.

  MEPHISTOPHELES:
  Frau Muhme!  Sie versteht mir schlecht die Zeiten.
  Getan, geschehn!  Geschehn, getan!
  Verleg Sie sich auf Neuigkeiten!
  Nur Neuigkeiten ziehn uns an.

  FAUST:
  Da ich mich nur nicht selbst vergesse!
  Hei ich mir das doch eine Messe!
  MEPHISTOPHELES:
  Der ganze Strudel strebt nach oben;
  Du glaubst zu schieben, und du wirst geschoben.

  FAUST:
  Wer ist denn das?

  MEPHISTOPHELES:
  Betrachte sie genau!  Lilith ist das.

  FAUST:
  Wer?

  MEPHISTOPHELES:
  Adams erste Frau.  Nimm dich in acht vor ihren schnen Haaren,
  Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
  Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
  So lt sie ihn so bald nicht wieder fahren.

  FAUST:
  Da sitzen zwei, die Alte mit der Jungen;
  Die haben schon was Rechts gesprungen!

  MEPHISTOPHELES:
  Das hat nun heute keine Ruh.
  Es geht zum neuen Tanz, nun komm!  wir greifen zu.

  FAUST (mit der Jungen tanzend):
  Einst hatt ich einen schnen Traum
  Da sah ich einen Apfelbaum,
  Zwei schne pfel glnzten dran,
  Sie reizten mich, ich stieg hinan.

  DIE SCHNE:
  Der pfelchen begehrt ihr sehr,
  Und schon vom Paradiese her.
  Von Freuden fhl ich mich bewegt,
  Da auch mein Garten solche trgt.

  MEPHISTOPHELES (mit der Alten):
  Einst hatt ich einen wsten Traum
  Da sah ich einen gespaltnen Baum,
  Der hatt ein ungeheures Loch;
  So gro es war, gefiel mir's doch.

  DIE ALTE:
  Ich biete meinen besten Gru
  Dem Ritter mit dem Pferdefu!
  Halt Er einen rechten Pfropf bereit,
  Wenn Er das groe Loch nicht scheut.

  PROKTOPHANTASMIST:
  Verfluchtes Volk!  was untersteht ihr euch?
  Hat man euch lange nicht bewiesen:
  Ein Geist steht nie auf ordentlichen Fen?
  Nun tanzt ihr gar, uns andern Menschen gleich!

  DIE SCHNE (tanzend):
  Was will denn der auf unserm Ball?

  FAUST (tanzend):
  Ei!  der ist eben berall.
  Was andre tanzen, mu er schtzen.
  Kann er nicht jeden Schritt beschwtzen,
  So ist der Schritt so gut als nicht geschehn.
  Am meisten rgert ihn, sobald wir vorwrts gehn.
  Wenn ihr euch so im Kreise drehen wolltet,
  Wie er's in seiner alten Mhle tut
  Das hie' er allenfalls noch gut
  Besonders wenn ihr ihn darum begren solltet.

  PROKTOPHANTASMIST:
  Ihr seid noch immer da!  nein, das ist unerhrt.
  Verschwindet doch!  Wir haben ja aufgeklrt!
  Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel
  Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel.
  Wie lange hab ich nicht am Wahn hinausgekehrt,
  Und nie wird's rein; das ist doch unerhrt!

  DIE SCHNE:
  So hrt doch auf, uns hier zu ennuyieren!

  PROKTOPHANTASMIST:
  Ich sag's euch Geistern ins Gesicht:
  Den Geistesdespotismus leid ich nicht;
  Mein Geist kann ihn nicht exerzieren.
  (Es wird fortgetanzt.)
  Heut, seh ich, will mir nichts gelingen;
  Doch eine Reise nehm ich immer mit
  Und hoffe noch vor meinem letzten Schritt
  Die Teufel und die Dichter zu bezwingen.

  MEPHISTOPHELES:
  Er wird sich gleich in eine Pftze setzen,
  Das ist die Art, wie er sich soulagiert,
  Und wenn Blutegel sich an seinem Stei ergetzen,
  Ist er von Geistern und von Geist kuriert.
  (Zu Faust, der aus dem Tanz getreten ist.)
  Was lssest du das schne Mdchen fahren,
  Das dir zum Tanz so lieblich sang?

  FAUST:
  Ach!  mitten im Gesange sprang
  Ein rotes Muschen ihr aus dem Munde.

  MEPHISTOPHELES:
  Das ist was Rechts!  das nimmt man nicht genau;
  Genug, die Maus war doch nicht grau.
  Wer fragt darnach in einer Schferstunde?

  FAUST:
  Dann sah ich-

  MEPHISTOPHELES:
  Was?

  FAUST:
  Mephisto, siehst du dort Ein blasses, schnes Kind allein und ferne stehen?
  Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,
  Sie scheint mit geschlonen Fen zu gehen.
  Ich mu bekennen, da mir deucht,
  Da sie dem guten Gretchen gleicht.

  MEPHISTOPHELES:
  La das nur stehn!  dabei wird's niemand wohl.
  Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.
  Ihm zu begegnen, ist nicht gut:
  Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,
  Und er wird fast in Stein verkehrt;
  Von der Meduse hast du ja gehrt.

  FAUST:
  Frwahr, es sind die Augen einer Toten,
  Die eine liebende Hand nicht schlo.
  Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,
  Das ist der se Leib, den ich geno.

  MEPHISTOPHELES:
  Das ist die Zauberei, du leicht verfhrter Tor!
  Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.

  FAUST:
  Welch eine Wonne!  welch ein Leiden!
  Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.
  Wie sonderbar mu diesen schnen Hals
  Ein einzig rotes Schnrchen schmcken,
  Nicht breiter als ein Messerrcken!

  MEPHISTOPHELES:
  Ganz recht!  ich seh es ebenfalls.
  Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen,
  Denn Perseus hat's ihr abgeschlagen.
  Nur immer diese Lust zum Wahn!
  Komm doch das Hgelchen heran,
  Hier ist's so lustig wie im Prater
  Und hat man mir's nicht angetan,
  So seh ich wahrlich ein Theater.
  Was gibt's denn da?

  SERVIBILIS:
  Gleich fngt man wieder an.  Ein neues Stck, das letzte Stck von sieben.
  So viel zu geben ist allhier der Brauch,
  Ein Dilettant hat es geschrieben
  Und Dilettanten spielen's auch.
  Verzeiht, ihr Herrn, wenn ich verschwinde
  Mich dilettiert's, den Vorhang aufzuziehn.

  MEPHISTOPHELES:
  Wenn ich euch auf dem Blocksberg finde,
  Das find ich gut; denn da gehrt ihr hin.



  Walpurgisnachtstraum

  oder Oberons und Titanias goldne Hochzeit Intermezzo


  THEATERMEISTER:
  Heute ruhen wir einmal,
  Miedings wackre Shne.
  Alter Berg und feuchtes Tal,
  Das ist die ganze Szene!

  HEROLD:
  Da die Hochzeit golden sei,
  Solln funfzig Jahr sein vorber;
  Aber ist der Streit vorbei,
  Das golden ist mir lieber.

  OBERON:
  Seid ihr Geister, wo ich bin,
  So zeigt's in diesen Stunden;
  Knig und die Knigin,
  Sie sind aufs neu verbunden.

  PUCK:
  Kommt der Puck und dreht sich quer
  Und schleift den Fu im Reihen;
  Hundert kommen hinterher,
  Sich auch mit ihm zu freuen.

  ARIEL:
  Ariel bewegt den Sang
  In himmlisch reinen Tnen;
  Viele Fratzen lockt sein Klang,
  Doch lockt er auch die Schnen.

  OBERON:
  Gatten, die sich vertragen wollen,
  Lernen's von uns beiden!
  Wenn sich zweie lieben sollen,
  Braucht man sie nur zu scheiden.

  TITANIA:
  Schmollt der Mann und grillt die Frau,
  So fat sie nur behende,
  Fhrt mir nach dem Mittag sie,
  Und ihn an Nordens Ende.

  ORCHESTER TUTTI (Fortissimo):
  Fliegenschnauz und Mckennas
  Mit ihren Anverwandten,
  Frosch im Laub und Grill im Gras,
  Das sind die Musikanten!

  SOLO:
  Seht, da kommt der Dudelsack!
  Es ist die Seifenblase.
  Hrt den Schneckeschnickeschnack
  Durch seine stumpfe Nase

  GEIST, DER SICH ERST BILDET:
  Spinnenfu und Krtenbauch
  Und Flgelchen dem Wichtchen!
  Zwar ein Tierchen gibt es nicht,
  Doch gibt es ein Gedichtchen.

  EIN PRCHEN:
  Kleiner Schritt und hoher Sprung
  Durch Honigtau und Dfte
  Zwar du trippelst mir genung,
  Doch geh's nicht in die Lfte.

  NEUGIERIGER REISENDER:
  Ist das nicht Maskeradenspott?
  Soll ich den Augen trauen,
  Oberon, den schnen Gott,
  Auch heute hier zu schauen?

  ORTHODOX:
  Keine Klauen, keinen Schwanz!
  Doch bleibt es auer Zweifel:
  So wie die Gtter Griechenlands,
  So ist auch er ein Teufel.

  NORDISCHER KNSTLER:
  Was ich ergreife, das ist heut
  Frwahr nur skizzenweise;
  Doch ich bereite mich beizeit
  Zur italien'schen Reise.

  PURIST:
  Ach!  mein Unglck fhrt mich her:
  Wie wird nicht hier geludert!
  Und von dem ganzen Hexenheer
  Sind zweie nur gepudert.

  JUNGE HEXE
  Der Puder ist so wie der Rock
  Fr alt' und graue Weibchen,
  Drum sitz ich nackt auf meinem Bock
  Und zeig ein derbes Leibchen.

  MATRONE:
  Wir haben zu viel Lebensart
  Um hier mit euch zu maulen!
  Doch hoff ich, sollt ihr jung und zart
  So wie ihr seid, verfaulen.

  KAPELLMEISTER:
  Fliegenschnauz und Mckennas
  Umschwrmt mir nicht die Nackte!
  Frosch im Laub und Grill im Gras,
  So bleibt doch auch im Takte!

  WINDFAHNE (nach der einen Seite):
  Gesellschaft, wie man wnschen kann:
  Wahrhaftig lauter Brute!
  Und Junggesellen, Mann fr Mann,
  Die hoffnungsvollsten Leute!

  WINDFAHNE (nach der andern Seite):
  Und tut sich nicht der Boden auf,
  Sie alle zu verschlingen,
  So will ich mit behendem Lauf
  Gleich in die Hlle springen.

  XENIEN:
  Als Insekten sind wir da,
  Mit kleinen scharfen Scheren,
  Satan, unsern Herrn Papa,
  Nach Wrden zu verehren.

  HENNINGS:
  Seht, wie sie in gedrngter Schar
  Naiv zusammen scherzen!
  Am Ende sagen sie noch gar,
  Sie htten gute Herzen.

  MUSAGET:
  Ich mag in diesem Hexenheer
  Mich gar zu gern verlieren;
  Denn freilich diese wt ich eh'r
  Als Musen anzufhren.

  CI-DEVANT GENIUS DER ZEIT:
  Mit rechten Leuten wird man was.
  Komm, fasse meinen Zipfel!
  Der Blocksberg, wie der deutsche Parna,
  Hat gar einen breiten Gipfel.

  NEUGIERIGER REISENDER:
  Sagt, wie heit der steife Mann?
  Er geht mit stolzen Schritten.
  Er schnopert, was er schnopern kann.
  "Er sprt nach Jesuiten."

  KRANICH:
  In dem klaren mag ich gern
  Und auch im trben fischen;
  Darum seht ihr den frommen Herrn
  Sich auch mit Teufeln mischen.

  WELTKIND:
  Ja, fr die Frommen, glaubet mir,
  Ist alles ein Vehikel,
  Sie bilden auf dem Blocksberg hier
  Gar manches Konventikel.

  TNZER:
  Da kommt ja wohl ein neues Chor?
  Ich hre ferne Trommeln.
  "Nur ungestrt!  es sind im Rohr
  Die unisonen Dommeln."

  TANZMEISTER:
  Wie jeder doch die Beine lupft!
  Sich, wie er kann, herauszieht!
  Der Krumme springt, der Plumpe hupft
  Und fragt nicht, wie es aussieht.

  FIEDLER:
  Das hat sich schwer, das Lumpenpack,
  Und gb sich gern das Restchen;
  Es eint sie hier der Dudelsack,
  Wie Orpheus' Leier die Bestjen.

  DOGMATIKER:
  Ich lasse mich nicht irre schrein,
  Nicht durch Kritik noch Zweifel.
  Der Teufel mu doch etwas sein;
  Wie gb's denn sonst auch Teufel?

  IDEALIST:
  Die Phantasie in meinem Sinn
  Ist diesmal gar zu herrisch.
  Frwahr, wenn ich das alles bin,
  So bin ich heute nrrisch.

  REALIST:
  Das Wesen ist mir recht zur Qual
  Und mu mich ba verdrieen;
  Ich stehe hier zum erstenmal
  Nicht fest auf meinen Fen.

  SUPERNATURALIST:
  Mit viel Vergngen bin ich da
  Und freue mich mit diesen;
  Denn von den Teufeln kann ich ja
  Auf gute Geister schlieen.

  SKEPTIKER:
  Sie gehn den Flmmchen auf der Spur
  Und glaubn sich nah dem Schatze.
  Auf Teufel reimt der Zweifel nur;
  Da bin ich recht am Platze.

  KAPELLMEISTER:
  Frosch im Laub und Grill im Gras,
  Verfluchte Dilettanten!
  Fliegenschnauz und Mckennas,
  Ihr seid doch Musikanten!

  DIE GEWANDTEN:
  Sanssouci, so heit das Heer
  Von lustigen Geschpfen;
  Auf den Fen geht's nicht mehr,
  Drum gehn wir auf den Kpfen.

  DIE UNBEHILFLICHEN:
  Sonst haben wir manchen Bissen erschranzt,
  Nun aber Gott befohlen!
  Unsere Schuhe sind durchgetanzt,
  Wir laufen auf nackten Sohlen.

  IRRLICHTER:
  Von dem Sumpfe kommen wir,
  Woraus wir erst entstanden;
  Doch sind wir gleich im Reihen hier
  Die glnzenden Galanten.

  STERNSCHNUPPE:
  Aus der Hhe scho ich her
  Im Stern- und Feuerscheine,
  Liege nun im Grase quer-
  Wer hilft mir auf die Beine?

  DIE MASSIVEN:
  Platz und Platz!  und ringsherum!
  So gehn die Grschen nieder.
  Geister kommen, Geister auch,
  Sie haben plumpe Glieder.

  PUCK:
  Tretet nicht so mastig auf
  Wie Elefantenklber,
  Und der plumpst' an diesem Tag
  Sei Puck, der derbe, selber.

  ARIEL:
  Gab die liebende Natur,
  Gab der Geist euch Flgel,
  Folget meiner leichten Spur,
  Auf zum Rosenhgel!

  ORCHESTER (Pianissimo):
  Wolkenzug und Nebelflor
  Erhellen sich von oben.
  Luft im Laub und Wind im Rohr,
  Und alles ist zerstoben.



  Trber Tag.  Feld

  Faust.  Mephistopheles.


  FAUST:
  Im Elend!  Verzweifelnd!  Erbrmlich auf der Erde lange verirrt und nun
  gefangen!  Als Missetterin Im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt,
  das holde unselige Geschpf!  Bis dahin!  dahin!- Verrterischer,
  nichtswrdiger Geist, und das hast du mir verheimlicht!- Steh nur, steh!
  wlze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum!  Steh und trutze mir
  durch deine unertrgliche Gegenwart!  Gefangen!  Im unwiederbringlichen
  Elend!  Bsen Geistern bergeben und der richtenden gefhllosen Menschheit!
  Und mich wiegst du indes in abgeschmackten Zerstreuungen, verbirgst mir
  ihren wachsenden Jammer und lssest sie hilflos verderben!

  MEPHISTOPHELES:
  Sie ist die erste nicht.

  FAUST:
  Hund!  abscheuliches Untier!- Wandle ihn, du unendlicher Geist!  wandle den
  Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft nchtlicherweile gefiel,
  vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Fe zu kollern und
  sich dem niederstrzenden auf die Schultern zu hngen.  Wandl' ihn wieder in
  seine Lieblingsbildung, da er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich
  ihn mit Fen trete, den Verworfnen!- "Die erste nicht!"- Jammer!  Jammer!
  von keiner Menschenseele zu fassen, da mehr als ein Geschpf in die Tiefe
  dieses Elendes versank, da nicht das erste genugtat fr die Schuld aller
  brigen in seiner windenden Todesnot vor den Augen des ewig Verzeihenden!
  Mir whlt es Mark und Leben durch, das Elend dieser einzigen- du grinsest
  gelassen ber das Schicksal von Tausenden hin!

  MEPHISTOPHELES:
  Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, da, wo euch Menschen
  der Sinn berschnappt.  Warum machst du Gemeinschaft mit uns wenn du sie
  nicht durchfhren kannst?  Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht
  sicher?  Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

  FAUST:
  Fletsche deine gefrigen Zhne mir nicht so entgegen!  Mir ekelt's!-
  Groer, herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen wrdigtest, der du mein
  Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden,
  der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?

  MEPHISTOPHELES:
  Endigst du?

  FAUST:
  Rette sie!  oder weh dir!  Den grlichsten Fluch ber dich auf Jahrtausende!

  MEPHISTOPHELES:
  Ich kann die Bande des Rchers nicht lsen, seine Riegel nicht ffnen.-
  "Rette sie!"- Wer war's, der sie ins Verderben strzte?  Ich oder du?
  (Faust blickt wild umher.)
  Greifst du nach dem Donner?  Wohl, da er euch elenden Sterblichen nicht
  gegeben ward!  Den unschuldig Entgegnenden zu zerschmettern, das ist so
  Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

  FAUST:
  Bringe mich hin!  Sie soll frei sein!

  MEPHISTOPHELES:
  Und die Gefahr, der du dich aussetzest?  Wisse, noch liegt auf der Stadt
  Blutschuld von deiner Hand.  ber des Erschlagenen Sttte schweben rchende
  Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mrder.

  FAUST:
  Noch das von dir?  Mord und Tod einer Welt ber dich Ungeheuer!  Fhre mich
  hin, sag ich, und befrei sie.

  MEPHISTOPHELES:
  Ich fhre dich, und was ich tun kann, hre!  Habe ich alle Macht im Himmel
  und auf Erden?  Des Trners Sinne will ich umnebeln, bemchtige dich der
  Schlssel und fhre sie heraus mit Menschenhand!  Ich wache, die
  Zauberpferde sind bereit, ich entfhre euch.  Das vermag ich.

  FAUST:
  Auf und davon!



  Nacht, offen Feld

  Faust, Mephistopheles, auf schwarzen Pferden daherbrausend.


  FAUST:
  Was weben die dort um den Rabenstein?

  MEPHISTOPHELES:
  Wei nicht, was sie kochen und schaffen.

  FAUST:
  Schweben auf, schweben ab, neigen sich, beugen sich.

  MEPHISTOPHELES:
  Eine Hexenzunft.

  FAUST:
  Sie streuen und weihen.

  MEPHISTOPHELES:
  Vorbei!  Vorbei!



  Kerker

  Faust mit einem Bund Schlssel und einer Lampe, vor einem eisernen Trchen.


  Mich fat ein lngst entwohnter Schauer,
  Der Menschheit ganzer Jammer fat mich an
  Hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer
  Und ihr Verbrechen war ein guter Wahn
  Du zauderst, zu ihr zu gehen!
  Du frchtest, sie wiederzusehen!
  Fort!  dein Zagen zgert den Tod heran.
  (Er ergreift das Schlo.  Es singt inwendig.)
  Meine Mutter, die Hur
  Die mich umgebracht hat!
  Mein Vater, der Schelm
  Der mich gessen hat!
  Mein Schwesterlein klein
  Hub auf die Bein
  An einem khlen Ort;
  Da ward ich ein schnes Waldvgelein;
  Fliege fort, fliege fort!
  FAUST (aufschlieend):
  Sie ahnet nicht, da der Geliebte lauscht,
  Die Ketten klirren hrt, das Stroh, das rauscht.
  (Er tritt ein.)

  MARGARETE (sich auf dem Lager verbergend):
  Weh!  Weh!  Sie kommen.  Bittrer Tod!

  FAUST (leise):
  Still!  Still!  ich komme, dich zu befreien.

  MARGARETE (sich vor ihn hinwlzend):
  Bist du ein Mensch, so fhle meine Not.

  FAUST:
  Du wirst die Wchter aus dem Schlafe schreien!
  (Er fat die Ketten, sie aufzuschlieen.)

  MARGARETE (auf den Knien):
  Wer hat dir Henker diese Macht
  ber mich gegeben!
  Du holst mich schon um Mitternacht.
  Erbarme dich und la mich leben!
  Ist's morgen frh nicht zeitig genung?
  (Sie steht auf.)
  Bin ich doch noch so jung, so jung!
  Und soll schon sterben!
  Schn war ich auch, und das war mein Verderben.
  Nah war der Freund, nun ist er weit;
  Zerrissen liegt der Kranz, die Blumen zerstreut.
  Fasse mich nicht so gewaltsam an!
  Schone mich!  Was hab ich dir getan?
  La mich nicht vergebens flehen,
  Hab ich dich doch mein Tage nicht gesehen!

  FAUST:
  Werd ich den Jammer berstehen!

  MARGARETE:
  Ich bin nun ganz in deiner Macht.
  La mich nur erst das Kind noch trnken.
  Ich herzt es diese ganze Nacht;
  Sie nahmen mir's, um mich zu krnken,
  Und sagen nun, ich htt es umgebracht.
  Und niemals werd ich wieder froh..
  Sie singen Lieder auf mich!  Es ist bs von den Leuten!
  Ein altes Mrchen endigt so,
  Wer heit sie's deuten?

  FAUST (wirft sich nieder):
  Ein Liebender liegt dir zu Fen,
  Die Jammerknechtschaft aufzuschlieen.

  MARGARETE (wirft sich zu ihm):
  O la uns knien, die Heil'gen anzurufen!
  Sieh!  unter diesen Stufen,
  Unter der Schwelle
  Siedet die Hlle!
  Der Bse,
  Mit furchtbarem Grimme,
  Macht ein Getse!

  FAUST (laut):
  Gretchen!  Gretchen!

  MARGARETE (aufmerksam):
  Das war des Freundes Stimme!
  (Sie springt auf.  Die Ketten fallen ab.)
  Wo ist er?  ich hab ihn rufen hren.
  Ich bin frei!  mir soll niemand wehren.
  An seinen Hals will ich fliegen,
  An seinem Busen liegen!
  Er rief Gretchen!  Er stand auf der Schwelle.
  Mitten durchs Heulen und Klappen der Hlle,
  Durch den grimmigen, teuflischen Hohn
  Erkannt ich den sen, den liebenden Ton.

  FAUST:
  Ich bin's!

  MARGARETE:
  Du bist's!  O sag es noch einmal!
  (Ihn fassend.)
  Er ist's!  Er ist's!  Wohin ist alle Qual?
  Wohin die Angst des Kerkers?  der Ketten?
  Du bist's!  Kommst, mich zu retten.
  Ich bin gerettet!
  Schon ist die Strae wieder da
  Auf der ich dich zum ersten Male sah
  Und der heitere Garten'
  Wo ich und Marthe deiner warten

  FAUST (fortstrebend):
  Komm mit!  Komm mit!

  MARGARETE:
  O weile Weil ich doch so gern, wo du weilest.
  (Liebkosend.)

  FAUST:
  Eile!
  Wenn du nicht eilest
  Werden wir's teuer ben mssen.

  MARGARETE:
  Wie?  du kannst nicht mehr kssen?
  Mein Freund, so kurz von mir entfernt
  Und hast's Kssen verlernt?
  Warum wird mir an deinem Halse so bang?
  Wenn sonst von deinen Worten, deinen Blicken
  Ein ganzer Himmel mich berdrang
  Und du mich ktest, als wolltest du mich ersticken.
  Ksse mich!
  Sonst k ich dich!  (Sie umfat ihn.)
  O weh!  deine Lippen sind kalt,
  Sind stumm.
  Wo ist dein Lieben
  Geblieben?
  Wer brachte mich drum?  (Sie wendet sich von ihm.)

  FAUST:
  Komm!  Folge mir!  Liebchen, fasse Mut!
  Ich herze dich mit tausendfacher Glut
  Nur folge mir!  Ich bitte dich nur dies!

  MARGARETE (zu ihm gewendet):
  Und bist du's denn?  Und bist du's auch gewi?

  FAUST:
  Ich bin's!  Komm mit!

  MARGARETE:
  Du machst die Fesseln los, Nimmst wieder mich in deinen Scho.
  Wie kommt es, da du dich vor mir nicht scheust?
  Und weit du denn, mein Freund, wen du befreist?

  FAUST:
  Komm!  komm!  schon weicht die tiefe Nacht.

  MARGARETE:
  Meine Mutter hab ich umgebracht,
  Mein Kind hab ich ertrnkt.
  War es nicht dir und mir geschenkt?
  Dir auch.- Du bist's!  ich glaub es kaum.
  Gib deine Hand!  Es ist kein Traum!
  Deine liebe Hand!- Ach, aber sie ist feucht!
  Wische sie ab!  Wie mich deucht,
  Ist Blut dran.
  Ach Gott!  was hast du getan!
  Stecke den Degen ein,
  Ich bitte dich drum!
  FAUST:
  La das Vergangne vergangen sein,
  Du bringst mich um.

  MARGARETE:
  Nein, du mut brigbleiben!
  Ich will dir die Grber beschreiben,
  Fr die mut du sorgen
  Gleich morgen;
  Der Mutter den besten Platz geben,
  Meinen Bruder sogleich darneben,
  Mich ein wenig beiseit',
  Nur nicht gar zu weit!
  Und das Kleine mir an die rechte Brust.
  Niemand wird sonst bei mir liegen!-
  Mich an deine Seite zu schmiegen,
  Das war ein ses, ein holdes Glck!
  Aber es will mir nicht mehr gelingen;
  Mir ist's, als mt ich mich zu dir zwingen,
  Als stieest du mich von dir zurck;
  Und doch bist du's und blickst so gut, so fromm.

  FAUST:
  Fhlst du, da ich es bin, so komm!

  MARGARETE:
  Dahinaus?

  FAUST:
  Ins Freie.

  MARGARETE:
  Ist das Grab drau, Lauert der Tod, so komm!
  Von hier ins ewige Ruhebett
  Und weiter keinen Schritt
  Du gehst nun fort?  O Heinrich, knnt ich mit!

  FAUST:
  Du kannst!  So wolle nur!  Die Tr steht offen!

  MARGARETE:
  Ich darf nicht fort; fr mich ist nichts zu hoffen.
  Was hilft es, fliehn?  Sie lauern doch mir auf.
  Es ist so elend, betteln zu mssen
  Und noch dazu mit bsem Gewissen!
  Es ist so elend, in der Fremde schweifen
  Und sie werden mich doch ergreifen!

  FAUST:
  Ich bleibe bei dir

  MARGARETE:
  Geschwind!  Geschwind!
  Rette dein armes Kind!
  Fort!  immer den Weg
  Am Bach hinauf,
  ber den Steg,
  In den Wald hinein,
  Links, wo die Planke steht,
  Im Teich.
  Fa es nur gleich!
  Es will sich heben,
  Es zappelt noch!
  Rette!  rette!

  FAUST:
  Besinne dich doch!
  Nur einen Schritt, so bist du frei!

  MARGARETE:
  Wren wir nur den Berg vorbei!
  Da sitzt meine Mutter auf einem Stein,
  Es fat mich kalt beim Schopfe!
  Da sitzt meine Mutter auf einem Stein
  Und wackelt mit dem Kopfe
  Sie winkt nicht, sie nickt nicht, der Kopf ist ihr schwer,
  Sie schlief so lange, sie wacht nicht mehr.
  Sie schlief, damit wir uns freuten.
  Es waren glckliche Zeiten!

  FAUST:
  Hilft hier kein Flehen, hilft kein Sagen,
  So wag ich's, dich hinwegzutragen.

  MARGARETE:
  La mich!  Nein, ich leide keine Gewalt!
  Fasse mich nicht so mrderisch an!
  Sonst hab ich dir ja alles zulieb getan.

  FAUST:
  Der Tag graut!  Liebchen!  Liebchen!

  MARGARETE:
  Tag!  Ja, es wird Tag!  der letzte Tag dringt herein;
  Mein Hochzeittag sollt es sein!
  Sag niemand, da du schon bei Gretchen warst.
  Weh meinem Kranze!
  Es ist eben geschehn!
  Wir werden uns wiedersehn;
  Aber nicht beim Tanze.
  Die Menge drngt sich, man hrt sie nicht.
  Der Platz, die Gassen
  Knnen sie nicht fassen.
  Die Glocke ruft, das Stbchen bricht.
  Wie sie mich binden und packen!
  Zum Blutstuhl bin ich schon entrckt.
  Schon zuckt nach jedem Nacken
  Die Schrfe, die nach meinem zckt.
  Stumm liegt die Welt wie das Grab!

  FAUST:
  O wr ich nie geboren!

  MEPHISTOPHELES (erscheint drauen):
  Auf!  oder ihr seid verloren.
  Unntzes Zagen!  Zaudern und Plaudern!
  Mein Pferde schaudern,
  Der Morgen dmmert auf.

  MARGARETE:
  Was steigt aus dem Boden herauf?
  Der!  der!  Schick ihn fort!
  Was will der an dem heiligen Ort?
  Er will mich!

  FAUST:
  Du sollst leben!

  MARGARETE:
  Gericht Gottes!  dir hab ich mich bergeben!

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Komm!  komm!  Ich lasse dich mit ihr im Stich.

  MARGARETE:
  Dein bin ich, Vater!  Rette mich!
  Ihr Engel!  Ihr heiligen Scharen,
  Lagert euch umher, mich zu bewahren!
  Heinrich!  Mir graut's vor dir.

  MEPHISTOPHELES:
  Sie ist gerichtet!

  STIMME (von oben):
  Ist gerettet!

  MEPHISTOPHELES (zu Faust):
  Her zu mir!
  (Verschwindet mit Faust.)

  STIMME (von innen, verhallend):
  Heinrich!  Heinrich!





Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Faust: Teil 1" von Goethe










End of the Project Gutenberg EBook of Faust: Der Tragdie erster Teil, by 
Johann Wolfgang von Goethe

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